Christoph Göttl, Kerstin Schweitzer
Elke Göttl-Resch, Karin Malaizier, Peter Kraus
Original Artikel in „Sozialpädagogische Impulse“
04/2025
Abovorteilsangebot Sozialpädagogische Impulse: 4 Ausgaben - 19€
Warum es in eskalierenden Situationen eine andere Haltung und Begegnungsform braucht, um Menschen würdevoll zu begleiten und ihnen Support anzubieten.
Es ist Sonntag, 17 Uhr. Neele möchte die Zeit bis zum Abendessen noch nützen, um ihre Lieblingsserie zu streamen. Sie ist mittlerweile schon bei Staffel 8, Folge 4. Immer wenn sie sich nach Familie sehnt, ist die Serie ein hilfreicher Firefighter für sie. Auch nach 7 Jahren WG-Erfahrung ist diese Sehnsucht noch schmerzhaft.
Neele betritt den Fernsehraum und erstarrt. Der Fernseher ist besetzt. Und schon taucht wieder dieses altbekannte Kribbeln in ihren Fingerspitzen auf und diese Enge in der Brust.
Neeles Blick wird eng und starr, ihre Bewegungen zackig, ihre Stimme laut und unrhythmisch. Türen knallen. Bilder fliegen von den Wänden. Julia, die einzige Betreuerin im Dienst, ist gerade dabei die Tagesdokumentation zu schreiben.
„Ich bin dir scheißegal“, schreit Neele.
„Ich hab es gar nicht richtig mitbekommen, außer davor ihr typisches Tür-Knallen, das sie immer macht, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und plötzlich, aus heiterem Himmel, eskaliert sie und droht mir, mich mit dem Couchtisch zu verprügeln“, erzählt Julia erschöpft Montag früh in der Teamsitzung. „Ich hab noch versucht, auf sie einzureden, aber sie hat mich gar nicht mehr wahrgenommen. So geht das nicht mehr weiter. Entweder sie geht oder ich kündige.“
„Übrigens, ihre Mama hat am Freitag angerufen und wieder mal spontan das gemeinsame Wochenende mit Neele abgesagt. Ich hab’s vergessen zu dokumentieren“, sagte Julias Kollegin, die am Freitag zuvor Dienst hatte.
Hintergrund
Wenn der Hirnstamm, der evolutionär älteste Teil unseres Gehirns, Bedrohung detektiert, löst dies bei Menschen automatisch angeborene bzw. erlernte Reaktionsmuster (lebensrettende Handlungen) mit neurobiologischer Aktivierung ihres Gefahrensystems aus (Kearney & Lanius, 2022).
Werden bei Klient*innen und Betreuer*innen Schlüsselreize (Traumatrigger) aktiviert, führt das zu symmetrischen Eskalationen. Schlüsselreize werden im Zusammenhang mit überwältigend erlebten Erfahrungen abgespeichert und sicherten einst das Überleben sowie die Bindung zur primären Bezugsperson (Maren et. al., 2013).
Die NeuroDeeskalation® definiert alle Hochstresszustände eines Menschen, sowie alle Verhaltensweisen, die sich aus diesen Emotionen heraus zeigen, als Eskalation. Neben neurobiologischen, bindungs- und traumatheoretischen Modellen legt sie den Fokus auch auf wissenschaftliche Studien, die den Zusammenhang zwischen physiologischen Parametern (HRV, Herz-Kohärenz, Atmung) und emotionaler Stabilität erforschen (Lehrer et al., 2020).
Soziale Orientierung
Neurobiologisch wird unser Gefahrensystem aktiviert durch akute reale Gefahr, einen Traumatrigger oder fehlende Orientierung. Jedoch wenn es um unbekannte, gefährliche oder emotional belastende Situationen geht, reagieren wir neurobiologisch nicht sofort mit einer lebensrettenden Handlung, sondern wir orientieren uns zuerst (Schauer & Elbert, 2010). Von klein auf orientieren wir uns in der Welt an den primären Bezugspersonen und tun dies als soziale Wesen ein Leben lang (Clarici et al., 2024). Unser autonomes Nervensystem scannt permanent, ob wir uns in Sicherheit oder Gefahr befinden. Diese ständige Abfrage braucht Orientierung über die Situation und, in sozialen Interaktionen, über die Person. Fehlt Orientierung, fühlen wir uns bedroht (Freeston & Komes, 2023).
In Hochstresssituationen orientieren wir uns instinktiv an der Mimik und Körperhaltung unseres Gegenübers, an der sozialen Orientierungsperson. Wir prüfen ihren Blick, Stimmlage und Sprechrhythmus, mit der Frage: bin ich in Sicherheit und kann ich explorieren? Oder ist es gefährlich? Und wenn ja, bleibst du an meiner Seite und supportest mich?
Nimmt Neele die Sozialpädagogin Julia als Soziale Orientierungsperson wahr, wird sich ihr Nervensystem ganz automatisch an Julias Körpersprache orientieren, um diese wesentlichen, wichtigen Botschaften zu bekommen.
NeuroDeeskalation® in der Praxis
Kommen wir in die Wahrnehmung eines hochgestressten Menschen, will dieser zuerst wissen: Freund oder Feind. Da das Lesen von Körpersprache schneller funktioniert, als wir denken können, kommt es jetzt darauf an, was wir als Soziale Orientierungsperson verkörpern. Ob die Situation eskaliert, ist immer davon abhängig, wie die Person uns liest.
Wollen wir also Orientierung und Support bieten, braucht es unsere volle Präsenz.
Selbstwahrnehmung ist die Basis dafür. Sie ermöglicht Selbstregulation, die Wahrnehmung von uns zum Gegenüber, der ganzen Situation und wieder zurück, wie in einer liegenden Acht (Abb. 1).
Abb. 1: Fünf Schritte der NeuroDeeskalation®, ©mnutz.at
Zur Selbstwahrnehmung in Hochstresssituationen verwendet die NeuroDeeskalation® ein Ampelsystem (grün – rot). Grün bedeutet, ich bin präsent, reguliert, ein kohärentes Zusammenspiel zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Ich bin in der Lage, mich mit offenem Herzen einer hochgestressten Person zu nähern und Support anzubieten. Rot bedeutet Hochstress und Dysbalance. Mein Gefahrensystem ist aktiv. Ich muss mich selbst schützen.
Die Orientierung an eigenen somatischen Markern gibt dabei wertvolle Hinweise auf den Zustand unseres Nervensystems (vgl. Damasio, 1996).
Bin ich grün und entscheide mich bewusst für Support, stelle ich aktiv Kontakt her und bringe mich in die Wahrnehmung der eskalierenden Person.
Dann nimmt der Zauber seinen Lauf. Genau wie der rhythmische „Tanz“ zwischen der Mutter und ihrem Baby, wenn Kontakt, Einstimmung, Selbst- und Co-Regulation in harmonischer Weise zusammenwirken (vgl. Stern, 1977/2002).
Methodisch gesehen befinden wir uns bereits in einer zentralen, wichtigen Phase der NeuroDeeskalation®, von der Dysregulation in die Regulation, vom Gefahrensystem weg hin zum Bindungssystem.
Während unsere beiden Nervensysteme rhythmisch miteinander in Verbindung stehen, mein Grün durch die fortlaufende Bewegung der liegenden Acht auf das ursprüngliche Rot der eskalierenden Person wirkt (Abb. 2), kann bei ihr wieder mehr Raum und Kontakt zu sich entstehen und damit wieder eine Reaktivierung des Großhirns, ihres Wachturms. Dieser ermöglicht, das Geschehen auf Metaebene zu betrachten, Voraussagen und bewusste Entscheidungen zu treffen (Mitchell et al., 2005).
Abb. 2: Kontakt, Selbst- und Co-Regulation, ©mnutz.at
Ich begleite diesen Prozess durch verbale und nonverbale Kommunikationsangebote, welche die Person schrittweise wieder in einen regulierteren, veränderten (grünen) Bewusstseinszustand führen: durch Spiegeln (Pacing) passe ich mich zunächst an das Erregungsniveau, Sprache, Mimik, Tempo und Affekte meines Gegenübers an. Ich stelle ein Yes-Set her (vgl. Erickson et al., 1976) mit der Botschaft „ich sehe dich“. Dann nütze ich diesen aufgebauten Rapport und übernehme die Guidance (Leading) mit der Botschaft „ich bin da und guide dich da raus“. Durch bewusst langsamere Sprechweise, rhythmische Bewegungen, weiche Mimik und einladende Gestik signalisiere ich: Sicherheit.
Diesen interaktiven Prozess unterstütze ich durch zukunftsorientierte Sätze und lösungsfokussierte Fragen. Mentalisierungsprozesse, Perspektiven- und Kontextwechsel werden Schritt für Schritt wieder möglich.
Mit dem Bild der liegenden Acht und dem Wissen über emotionale Ansteckung (Chen et al., 2021) fokussiere ich immer wieder auf meine Selbstregulation. Währenddessen überprüft mein Gegenüber immer wieder neu, ob weiterhin Gefahr besteht. In jedem dieser Momente starte ich den Prozess der NeuroDeekalation® von Neuem, bis ich merke, dass mein Gegenüber einen tiefen Atemzug setzt und sich an mir orientiert.
„Und als ich die Türen knallen hörte, wusste ich sofort, was zu tun war. Ich nahm mir einen kurzen Moment, erdete mich mit stabilem hüftbreitem Stand, nahm einen tiefen Atemzug, um mich zu regulieren, also mein Grün zu verstärken. Mit beiden Handflächen auf meiner Brust, sagte ich mir selbst „Los geht’s, Julia“ und ging hinaus zu Neele ins Vorzimmer. Neele nahm mich nicht wahr, deshalb setzte ich einen Reiz, indem ich 1x laut klatschte. Ich sprach Neele mit klarer Stimme und ihrem Namen an. Neele sah auf, begann sich zu orientieren und entdeckte mich. Meine Körperhaltung ihr gegenüber war offen, seitlich und zugewandt. Neeles Augen erreichten meine, ihr Blick immer noch starr. Mit ruhiger Stimme sagte ich „Neele, ich bin jetzt da. Ich bin da.“ Ich streckte meine Hand offen in ihre Richtung und sagte „dir geht´s nicht gut“. Meine Stimmlage senkte sich. „Ich bleib jetzt hier bei dir.“ Neeles Schultern lösten sich und sie sackte schluchzend zu Boden. Ich ließ mich auch zu Boden sinken, mit einem Abstand zu ihr, der sich gut für mich anfühlte. Ich spiegelte ihre schnelle, hastige Atemfrequenz. Dann setzte ich meine Atmung ganz bewusst langsamer und tiefer. Neeles Anspannung ließ nach. Sie blickte mich an.
Fazit
„Es gibt einen Raum zwischen Reiz und Reaktion und in diesem Raum liegt unsere Freiheit und in dieser Freiheit liegt unsere Würde.“ (vgl. Frankl, V., 1946).
Schon ein kurzes Break, ein tiefer Atemzug, eine Veränderung der Körperposition kann dabei unterstützen, mich zu orientieren, mit mir in Kontakt zu kommen, grün zu werden und als Support wahrgenommen zu werden.
Die NeuroDeeskalation® ist keine Methode, sondern eine Haltung und Begegnungsform, mit der Botschaft: „All das hat seine Wurzeln in deiner inneren Not. Ich finde Ruhe, ich sehe dich und begleite dich sicher hindurch.“
Die Autor:innen
Dr. Christoph Göttl
Begründer der Methode NeuroDeeskalation®
Ausbildner
Als ich den ersten Tag meiner Ausbildung zum Kinder- und Jugendpsychiater auf unserer kinder- und jugendpsychiatrischen Station, war ich überrascht und schockiert, wie wir in unserer Hilflosigkeit mit Eskalationen von Kindern und Jugendlichen umgingen. Wir kannten damals keine andere Möglichkeit, als ans Bett zu fixieren und zwangszumedizieren. Damals fixierte und zwangsmedizierte ich mehrmals wöchentlich. So hatte ich mir meinen Beruf nicht vorgestellt. Also machte ich mich daran, einen eigenen Ansatz, eine Alternative zu Fixieren und Zwangsmedikation zu entwickeln. Ich sah jede Eskalation als Krise und damit als Chance zu einem Schritt Heilung.
2015 gründete ich ein Team mit Elke Göttl-Resch, Peter Kraus und Karin Malaizier. 2019 stellten Herwig Thelen, Stefan Ofner und ich den Ansatz das erste Mal auf der 5. Internationalen Konferenz für Psychologie des gewaltfreien Widerstands (NVR – non-violence resistance) vor, hierzulande besser bekannt unter Neue Autorität nach Haim Omer. Inzwischen sind wir ein wachsendes Team aus derzeit 20 Trainer*innen unterschiedlichster Professionen in den Bereichen Psychiatrie, Behinderung, Kinder- und Jugendwohlfahrt, Elternschaft und Schule.
In diesem Artikel skizzieren wir den Ansatz in seinen Grundlagen.
Mag.a Kerstin Schweitzer
Forschungsgruppe NeuroDeeskalation®
Trainerin
Nach meinem Studium begann ich meine Arbeit in der Begleitung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in unterschiedlichen mobilen und stationären Settings. Spätestens als Leitung einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung bemerkte ich, dass es in herausfordernden, eskalierenden Situationen, mehr als das Wissen aus Psychologie, Pädagogik etc. braucht, das wir als Team im Rahmen unseren Ausbildungen gelernt haben. Es braucht mehr als ein „10-Schritte-Deeskalationsprogramm“, das wir einüben und anwenden … und es braucht auch mehr als WG-Regeln und ein Belohnungssystem.
Im Rahmen einer Team-Fortbildung durften wir die NeuroDeeskalation® kennenlernen. Die NeuroDeeskalation® war ein Gamechanger: die eskalierende Person ist in großer Not, sie braucht Support. Und jede eskalierende Situation hat auch mit einem selbst zu tun. Aus heutiger Sicht kann ich diese Erfahrungen auch nochmals anders einordnen. Dies ist vor allem im Rahmen von Fortbildungen und Seminartätigkeit sehr wertvoll.
Als Teil der Forschungsgruppe NeuroDeeskalation® macht es mir großen Spaß, Themen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, Zusammenhänge zu entdecken und Erkenntnisse zu gewinnen, die über den Einzelfall hinausgehen. Mit dieser Haltung lassen sich Praxis und Theorie, Erfahrung und Evidenz, individuelle Geschichten und wissenschaftliche Modelle miteinander verknüpfen. So entstehen für mich neue Impulse, die meine Arbeit lebendig und wirksam halten.
Mitbegründer:innen der Methode NeuroDeeskalation®
Mag. Elke Göttl-Resch
Geschäftsführerin ressourcenreich
Leiterin der Trainer*innenausbildung
Meine Aufgabe ist es Menschen so zu begegnen, dass sie in Kontakt mit ihrem heilen Wesen kommen. Ich mag Räume öffnen zum Forschen und Träumen, zum Spüren und Ordnen.
In der NeuroDeeskalation® schule ich die Stille im Auge des Taifuns.
Karin Malaizier
Ausbildnerin
In meiner Rolle als NeuroDeeskalationstrainerin und Ausbildnerin gestalte ich in wertschätzenden Begegnungen Räume, in denen Menschen die Möglichkeit haben, in tiefen Kontakt mit sich selbst und anderen zu treten und ihre persönlichen Herausforderungen mit Zuversicht zu meistern.
NeuroDeeskalation® trägt dazu bei, indem sie nicht nur akute Eskalationen entschärft, sondern alte Muster unterbricht.
Peter Kraus
Ausbildner
Meine Aufgabe ist es Menschen zu befähigen, Psychiatrien und soziale Einrichtungen als sichere Orte zu gestalten, in denen Krisenbewältigung, Beziehung und Ressourcenorientierung mit Freude und Kreativität gelebt wird.
NeuroDeeskalation® ist hierzu eine nie versiegende, sprudelnde Quelle, die Weite und Entwicklung ermöglicht.