Gesprächsführung und NeuroDeeskalation

NeuroDeeskalation® und Gesprächsführung


Follow-up mit Elke Göttl-Resch und Karin Malaizier

21. - 22. Mai 2026, Wagna


Graphic Recording & Sketch Notes: Michaela Nutz


Text: Karin Malaizier & Michaela Nutz 
 

NeuroDeeskalation® im Gespräch

Warum gelingen uns manche Gespräche besser, manche schlechter? Was können wir tun, um uns besser einzustimmen?

Im zweitätigen Follow-up ging es um die Bedeutung der NeuroDeeskalation® im Alltag und die Übersetzung in Kontexte des täglichen Umgangs. Wie können die Haltung und Methode NeuroDeeskalation® dazu beitragen, Gespräche und Kontakte im Alltag zu gestalten? 

 
gestellte Forschungsfragen

 

Wie kann NeuroDeeskalation® bei der Gestaltung und Führung von Gesprächen unterstützen?

Welche Elemente der Top-down Regulation können zum Planen und Gelingen von Gesprächen beitragen?

Wie drückt sich die eigene Haltung und innere Ausrichtung körpersprachlich aus?

Wie können wir, auch bei sensiblen Gesprächen, Unterstützung verkörpern und eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen?

 


Jede Begegnung neu & die Begegnung der Anteile

NeuroDeeskalation Anteile

Abb. 1: Welcher Anteil führt das Gespräch? Wie kann ich hemmende Anteile zur Seite, aus dem Weg räumen?

 

"Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen."

Es ist gewiss eine hilfreiche Grundhaltung, jede Begegnung mit einem Menschen bewusst neu zu beginnen. Auch wenn wir frühere Erfahrungen miteinander teilen, entwickelt sich jeder Mensch von Begegnung zu Begegnung weiter. Gleichzeitig verarbeitet unser Gehirn neue Situationen nie völlig unvoreingenommen: Es gleicht sie automatisch mit bereits bekannten Erfahrungen, Bewertungen und Erwartungen ab. Diese inneren Vorannahmen können Orientierung geben, sie können aber auch den Blick auf das Gegenüber verstellen.

Eine bewusste Haltung der Offenheit ermöglicht es, diese automatischen Einordnungen wahrzunehmen, ohne ihnen sofort zu folgen. So entsteht die Möglichkeit, den Menschen vor uns immer wieder neu zu entdecken, anstatt ihn über frühere Erfahrungen oder festgefügte Bilder zu definieren. Erst wenn wir dem Gegenüber im Hier und Jetzt begegnen, kann echter Kontakt entstehen.

 

Und gleichzeitig in der Begegnung: welche Anteile kommunizieren gerade?

In jeder Begegnung kommunizieren nicht nur zwei Menschen miteinander, sondern auch ihre unterschiedlichen inneren Anteile. Je nachdem, welcher Anteil gerade im Vordergrund steht, verändert sich die Qualität des Gesprächs. Es ist daher hilfreich, dieses Modell der inneren Anteile bewusst im Blick zu behalten.

Gehen wir mit einer bestimmten Zielsetzung in ein Gespräch, ist es wichtig, zunächst in einen tragfähigen Kontakt zu kommen. Eine Kontaktphase mit aufrichtigem Interesse am Gegenüber bildet die Grundlage für Vertrauen und Kooperation. Erst auf dieser Basis können Anliegen geklärt und gemeinsam stimmige Vorgehensweisen entwickelt werden.


Es beginnt immer im Gespräch mit mir - Selbstklärung

NeuroDeeskalation Gespräch mit mir

Abb. 2: Zuerst kläre ich mit mir selbst, was in mir passiert. So entkomme ich der Falle: "Die anderen sind Schuld."

 

Wie alles in der NeuroDeeskalation® beginnt auch eine gelingende Gesprächsführung bei einem selbst. Bevor ich versuche, das Gegenüber zu verstehen oder das Gespräch zu steuern, richte ich meine Aufmerksamkeit zunächst auf mich. Denn jede Begegnung wird nicht nur durch das Verhalten des anderen geprägt, sondern auch durch meine eigene innere Verfassung, meine Erwartungen und meine bisherigen Erfahrungen.

Selbstklärung bedeutet, zunächst den eigenen inneren Zustand wahrzunehmen. Was beschäftigt mich gerade? Welche Gefühle, Gedanken oder körperlichen Reaktionen nehme ich wahr? Welche Erwartungen oder Absichten bringe ich in das Gespräch mit? Indem ich meinen eigenen Raum bewusst wahrnehme und mich innerlich ausrichte, komme ich in Kontakt mit mir selbst. Dadurch entsteht die Grundlage, dem anderen präsent und offen begegnen zu können.

Selbstklärung schafft die Voraussetzung für Co-Regulation. Nur wer den eigenen inneren Zustand wahrnimmt und regulieren kann, kann dem Gegenüber Sicherheit, Orientierung und einen regulierenden Kontakt anbieten. Die Qualität des Kontakts beginnt daher nicht beim Verhalten des anderen, sondern bei der eigenen inneren Ausrichtung.

Dabei kann es hilfreich sein, mit inneren Bildern oder Repräsentanten zu arbeiten. Vorannahmen über die andere Person, frühere Erfahrungen, eigene Befürchtungen oder Ziele erhalten symbolisch einen eigenen Platz – beispielsweise auf einem freien Sessel neben mir. Allein diese räumliche Trennung schafft oft Klarheit: Ich erkenne, was zu mir gehört und was tatsächlich zum gegenwärtigen Gespräch gehört.

Die zentrale Frage lautet: „Was gehört in diese Situation – und was darf für diesen Moment beiseitetreten?" Durch diesen bewussten Schritt entsteht eine Form der Top-down-Regulation. Frühere Erfahrungen, Bewertungen und Befürchtungen werden nicht verdrängt, sondern von der aktuellen Situation entmischt. Dadurch kann ich mein Gegenüber wieder als den Menschen wahrnehmen, der mir jetzt gegenübersitzt – und nicht als die Summe meiner bisherigen Erfahrungen mit ihm.

Gleichzeitig verlasse ich die Haltung: „Die anderen sind schuld …" oder „Der andere müsste sich ändern." Ich richte den Blick auf meinen eigenen Einflussbereich und stärke damit meine Selbstwirksamkeit. Die verkörperte Form dieser Selbstklärung ist die bewusste Selbstwahrnehmung. Sie hilft mir, auch in herausfordernden Gesprächen in Selbstverbundenheit zu bleiben und aus dieser inneren Stabilität heraus in Kontakt zu gehen.


Kontaktfenster entmischen und freie Sicht ermöglichen

Zwischen mir und meinem Gegenüber entsteht in jeder Begegnung ein gemeinsamer Kontaktraum – das Kontaktfenster. Dieser Raum wird nicht nur durch das aktuelle Gespräch geprägt, sondern auch durch unsere bisherigen Erfahrungen, Erwartungen, Bewertungen und inneren Reaktionen. Manchmal steht ETWAS zwischen uns, das den unmittelbaren Kontakt erschwert.

Dieses ETWAS kann viele Formen annehmen: Scham, Angst, Leistungsdruck, Kränkung, Identität, Misstrauen oder eine belastende Vorerfahrung. Ursprünglich hatte dieses ETWAS häufig eine wichtige Schutzfunktion. Im aktuellen Gespräch kann es jedoch den Blick auf das Gegenüber verstellen.

In der NeuroDeeskalation® wird dieses ETWAS symbolisch als ROT dargestellt. Ich entscheide mich bewusst, es für den Moment an einen anderen Platz zu legen. Es verschwindet nicht und wird auch nicht verdrängt – ich schaffe lediglich Abstand zwischen ihm und der aktuellen Begegnung. Dadurch entmische ich das Kontaktfenster und ermögliche wieder eine freie Sicht auf den Menschen im Hier und Jetzt.

Manchmal gibt dieses ETWAS auch Halt oder Orientierung. Dann muss es nicht sofort umplatziert werden. Entscheidend ist nicht, dass es verschwindet, sondern dass ich bewusst entscheiden kann, welchen Einfluss es auf die aktuelle Begegnung haben soll. Wenn später Zeit und Sicherheit vorhanden sind, kann ich mich diesem Thema erneut zuwenden.

Woran erkenne ich ein ETWAS?

Die Basis der Entmischung bilden somatische und emotionale Marker. Sie weisen darauf hin, dass nicht nur die gegenwärtige Situation wirkt, sondern auch frühere Erfahrungen aktiviert wurden.

Sie zeigen sich beispielsweise als wiederkehrende Vorannahmen oder innere Bewertungen, bestimmte Gedanken oder Sätze, die sich aufdrängen, intensive Gefühle, die zur aktuellen Situation nicht ganz passen, auffällige Körperempfindungen wie Enge, Druck oder Anspannung, o.ä.

Diese Marker laden dazu ein, innezuhalten und sich zu fragen: „Gehört das zu dieser Situation – oder wird hier gerade etwas Früheres mit aktiviert?"

Allein diese bewusste Unterscheidung ist bereits ein Schritt der Top-down-Regulation. Neue Einordnungen entstehen nicht auf Knopfdruck. Das Gehirn braucht Zeit, um neue Erfahrungen zu integrieren und bestehende Muster zu verändern. Neuronales Wachstum ist deshalb immer ein Prozess.

 

NeuroDeeskalation Kontaktfenster

Abb. 3: Das Kontaktfenster ist der gemeinsame Raum zwischen dir und mir – der Ort, an dem Begegnung entstehen kann. Räume ich das beiseite, was meinen Blick verstellt, kann ich dich im Hier und Jetzt wahrnehmen. Nicht meine Vorstellungen begegnen dir, sondern ich. Und ich begegne nicht dem Bild, das ich von dir habe, sondern dir als Mensch. Darin liegt die Möglichkeit einer echten Begegnung.

NeuroDeeskalation Freie Sicht
NeuroDeeskalation Freie Sicht

Abb. 4 und 5: Das Kontaktfenster "befreien". Das Kontaktfenster wahrnehmen.


4-Ohren-Mischpult

Basierend auf dem Vier-Ohren-Modell nach Friedemann Schulz von Thun – wir können mit dem Sach-, Appell-, Beziehungs- oder Selbstoffenbarungs-Ohr hören – wurde ein hilfreiches Modell zur bewussten Wahrnehmung und Selbstregulation entwickelt: das 4-Ohren-Mischpult.

Im Laufe unserer Entwicklung entstehen – geprägt durch Beziehungserfahrungen – individuelle Hörgewohnheiten. Man könnte sagen, unser inneres Mischpult erhält eine Voreinstellung. In bestimmten Situationen hören wir deshalb bevorzugt über eines der vier Ohren. Manche Menschen nehmen beispielsweise Appelle besonders schnell wahr, weil sie früh gelernt haben, hinter sachlichen Aussagen unausgesprochene Aufforderungen zu erkennen. Aus dem Satz „Mir ist kalt.“ wird dann automatisch „Hol mir eine Jacke.“

Wer die eigene Wahrnehmung beobachtet, erkennt mit der Zeit, welches Ohr bevorzugt aktiviert wird. Allein diese Bewusstheit eröffnet neue Handlungsmöglichkeiten. Anstatt automatisch einer gewohnten Interpretation zu folgen, kann ich mein inneres Mischpult bewusst neu ausbalancieren und auch die anderen „Ohren“ einbeziehen. Dadurch werden Botschaften differenzierter wahrgenommen und Missverständnisse seltener.

Diese Form der bewussten Wahrnehmungssteuerung schafft Wahlmöglichkeiten und stärkt die Selbstkompetenz, unterstützt die Top-down-Regulation und schafft die Grundlage für eine klarere und weniger verzerrte Kommunikation.

NeuroDeeskalation 4-Ohren-Schieberegler
NeuroDeeskalation 4 Ohren Schieberegler

Einordnung der Konzepte

Die Konzepte Selbstklärung, Entmischung und 4-Ohren-Mischpult sind nützliche Top-down Selbst-Regulations-Tools. Ich kann mich bereits im Vorfeld auf für mich sensible Situationen vorbereiten, meine Muster erkennen und mich neu justieren. So kann ich bewusst wählen, mit welcher Ausrichtung ich mich in das Gespräch begebe.   

Selbstklärung schafft Bewusstheit. Entmischung eröffnet einen unverstellten Blick. Das 4-Ohren-Mischpult erweitert die Wahrnehmung. Gemeinsam unterstützen diese Konzepte die Fähigkeit, auch in herausfordernden Gesprächen präsent, handlungsfähig und in gutem Kontakt mit sich selbst und dem Gegenüber zu bleiben. So entsteht die Freiheit, nicht nur zu reagieren, sondern Begegnung bewusst zu gestalten. 

Die Konzepte können auch im Sinne der 3 Kompetenzbereiche der NeuroDeeskalation® eingeordnet werden: 

  • Erkennen und Beobachten der für mich sensiblen Situationen (Selbstkompetenz)
  • Analysieren dieser Muster (Verstehenskompetenz)
  • Üben und handeln (Interventionskompetenz)

Die gewonnene Selbstwirksamkeit führt uns aus der Ohnmacht > aus der Hilflosigkeit in die Kraft.  

 

NeuroDeeskalation Einordnung
NeuroDeeskalation Kompetenzbereiche

Literatur

Friedemann Schulz von Thun, 2010 (Auflage: 48): Miteinander reden 1: Störungen und Klärungen: Allgemeine Psychologie der Kommunikation, 320 Seiten, Rowohlt Taschenbuch Verlag  

Friedemann Schulz von Thun, 2010 (Auflage: 32): Miteinander reden 2: Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung: Differentielle Psychologie der Kommunikation, 304 Seiten, Rowohlt Taschenbuch Verlag  

Friedemann Schulz von Thun, 2013 (Auflage: 25): Miteinander reden 3: Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation, 400 Seiten, Rowohlt Taschenbuch Verlag  

https://www.schulz-von-thun.de/veroeffentlichungen/miteinander-reden

 

Seminarleiterinnen & Graphic Recording

Elke Göttl-Resch, ressourcenreich

Elke Göttl-Resch 
NeuroDeeskalation® Ausbildnerin

Karin Malaizier, NeuroDeeskalation Ausbildnerin

Karin Malaizier
NeuroDeeskalation® Ausbildnerin

Michaela Nutz - mnutzDesign

Michaela Nutz
mnutzDesign, Graphic Recording