"Ziel ist es, unseren Kindern entsprechende Kleidung für jedes Wetter mitzugeben, damit sie die Stürme überstehen."
Interview und Text: Michaela Nutz
Michaela: Liebe Carolin! Du bist Diplom Pädagogin und NeuroDeeskalation® Trainerin. Kannst du bitte ein wenig über deinen beruflichen Werdegang und Hintergrund erzählen und wie du zur NeuroDeeskalation® gefunden hast?
Carolin: Hallo Michaela, das mache ich sehr gerne. Ich bin seit 17 Jahre in der stationären Jugendhilfe tätig. Ich bin da mehr oder weniger reingerutscht und brannte von Beginn an dafür! Dann ergab sich die Gelegenheit, eine neue heilpädagogisch-therapeutische Wohngruppe als Teamleitung mit zu eröffnen, mit der Möglichkeit von vorn herein mitzugestalten. Wir haben 2015 mit einer Wohngruppe gestartet - in einer alten Jugendstilvilla - und innerhalb von zwei Jahren auf insgesamt vier Gruppen aufgestockt. Dementsprechend haben wir gerade in den ersten Jahren ständig nach Personal gesucht und hatten auch entsprechenden Durchlauf. Wir bemerkten, dass es für neue Mitarbeiter:innen eine hohe Eintrittsschwelle gibt. Aus der Ausbildung kommend, mit ein paar Praktikern als Erfahrungsschatz, sind für Anfänger sowohl der Schichtdienst als auch die sehr herausfordernden Kinder und Jugendliche eine große Hürde. So verloren wir leider oft Mitarbeitende wieder. Wir gingen also auf die Suche nach einem Konzept, welches das in Kontakt treten erleichtern würde und über den guten Grund aus der Traumapädagogik hinausgeht. So könnten unsere neuen Kolleg:innen schneller im Team ankommen und würden folglich auch länger bei uns bleiben.
Im Juni 2021 bekamen wir über unseren Träger die Möglichkeit bei einer NeuroDeeskalation® Einführung teilzunehmen. Während der beiden Tage wurde uns klar, dass das unsere Lösung sein wird. Die Haltung stimmte mit unserer überein, die Methoden und viele andere Konzepte und Einsichten waren neu. Zum Beispiel der Ansatz, dass es immer bei mir selbst beginnt. Dass die Selbstregulation so essenziell ist. Das war für mich der größte Prozess. Wir meldeten uns zu zweit (große Empfehlung, wegen Austausch und gegenseitiger Bestärkung im Team) für Grundausbildung und Vertiefung an und übernahmen den Ansatz in unsere Einrichtung. Einige Begriffe aus der NeuroDeeskalation®-Sprache hatten wir schon davor gekannt, z.B. ROT und GRÜN. Peter Kraus (Mitbegründer der NeuroDeeskalation®) zeigte sich davor schon verantwortlich für unterschiedliche Fortbildungen in unserer Einrichtung. So waren uns durch ihn schon einige Konzepte geläufig.
Heute arbeiten wir in unserem Team ganz selbstverständlich mit systemischen Rollenspielen. Wir wiederholen die Konzepte, so wie die Bindungsphasen oder Täter-Retter-Opfer-Dreieck fast täglich in unseren Reflexionen. Das tollste an der NeuroDeeskalation® ist ja, finde ich, die leicht verständliche, klare Sprache. Sowohl für Mitarbeitende als auch für die Kinder ist es schnell und gut zu verstehen. Das Konzept GRÜN-ROT ist simpel. Es ist ein Kommunizieren ohne viele Worte. Man merkt einfach – und das ist schön – je länger man zusammenarbeitet, um so stärker verwendet man die selbe Sprache.
Michaela: Um gleich bei ROT-GRÜN weiterzufragen, wie und wo erkennst du denn dein ROT? Und wie gehst du damit um? Hast du ein Set oder mehrere um dich zu regulieren?
Carolin: Also ich weiß, dass ich mit der plötzlichen, heftigen ROT-Anflutung sehr viel besser umgehen kann. Ich kann dieses ROT inzwischen sehr schnell enttarnen und darauf reagieren. Schwieriger ist es mit dem schleichenden, sich langsam über eine Woche aufbauenden ROT. Auf das falle ich leichter herein.
Michaela: Wie und wo macht sich das ROT bei dir bemerkbar?
Carolin: Beim plötzlichen ROT krabbelt es mir von hinten, vom Rücken über den Nacken und über den Kopf, wie ein Welle, die mich überschwappt. Ich erkenne das körperlich recht schnell und kann mein Set anwenden. Ich lege eine Hand auf meine Schlüsselbeine, der Daumen berührt das rechte und der Zeigefinger das linke Ende. Dann folgt eine tiefe Bauchatmung. Und dann eine Visualisierung. Ich sehe ein prasselndes Lagerfeuer und höre das Knistern. Das reguliert mich superschnell.
Interessant ist, dass mein Set gerade in Entwicklung eines neuen Bildes, speziell für Mitarbeiter:innen-Situationen ist. Es beginnt gleich, aber der Zuspruch, die Visualisierung spielt unter Wasser, es blubbert und knisterst, gluckst. Das ist aber gerade erst in der Testphase.
Michaela: Das Tauch-Bild und -Gefühl kann ich sehr gut nachempfinden! Und hast du auch Strategien bezüglich des heimtückischeren, schleichenden ROTS?
Carolin: Ja schon. Wenn ich es bemerke, brauche ich ein ganz klares Break. Ich muss dann den Raum wechseln, kurz rausgehen oder zumindest meine Körperhaltung verändern. In Meetings benenne ich das dann auch ganz klar: „Das ist mir gerade zu viel, ich brauche kurz einen Moment.“ Damit sind alle orientiert und ich kann mir selbst auch wieder Orientierung geben und dann wieder gut in Kontakt gehen.
Michaela: Darf ich dich fragen, was dein innerer Antrieb ist? Wofür brennst du?
Carolin: Mein Beruf ist wunderbar, es ist nie langweilig! Und mit der NeuroDeeskalation® falle ich nie aus dem Kontakt. Es gibt immer eine Möglichkeit etwas zu tun.
Michaela: Gibt es eine besondere Ressource in deinem Alltag, eine, die dich immer auffangen kann?
Carolin: Ich gehe raus. Bewegung in der Natur mit meinem Hund hilft immer. Und dabei nicht reden.
Michaela: Und so auf das Jahr gesehen, eine Ressource, die dich übers Jahr bringt? Was gibt es da?
Carolin: Ich muss einmal im Jahr an die Ostsee. Am besten im November oder Dezember. Das Meer ist dann laut, ich brauche unangenehmes Wetter, es soll am besten regnen und stürmen. Das ist für mich wie ein Resetknopf. Ich besuche dort sehr gute, alte Freunde. Freundschaft kombiniert mit Meer. Das ist die beste Mischung. Und zumindest einmal im Jahr gehe ich wandern in die Berge. Dabei genieße ich das oben stehen und in die Weite blicken. Ich denke, ich brauche immer wieder Stille für den Kopf. Kein Reden. Reset ohne Wörter.
Michaela: Es benötig wenig Worte bringt mich zurück zur NeuroDeeskalation® - hast du ein Lieblingskonzept, das für dich besonders wertvoll ist?
Carolin: Ja, das Modell des dreiteiligen Gehirns. Das zeigt Kolleg:innen und auch den Kindern so schnell, dass das Gegenüber nicht absichtlich provoziert oder uns ärgert. Das Wissen darum, dass in eskaliertem Zustand das Großhirn einfach nicht zugänglich ist, switched unseren Umgang mit Eskalation sofort. Zumindest ist nach der Eskalation das Verständnis dafür vorhanden. Das entlastet Mitarbeiter:innen, Kinder und auch Eltern ganz enorm. Haltlose Konsequenzen fallen auch weg. Zum Beispiel Entschuldigungsbriefe oder Bestrafungen, die dann wieder nur zu weiteren Eskalationen führen würden. Das ist eine große Erleichterung für alle Beteiligten.
Und Kindern kann ich anhand des Modells so gut erklären, was bei ihnen oder uns passiert und wie sie sich regulieren können. Das bringt ihnen so viel. Der Hirnstamm ist dann die Echse, das limbische System die Katze und das Großhirn der Professor.
Michaela: Liebe Carolin, herzlichen Dank für das nette Gespräch, es hat Spaß gemacht!
Carolin: Ich danke ebenso, mir auch!
NeuroDe®-Illustration: Dreiteiliges Gehirn, mnutzDesign
angebot
- Introduction
- Grundausbildung
- Coaching deutsch und englisch
Zielgruppe
- Kinder- und Jugendhilfe
- Unterstützung von Teams
Carolins besonderes Beispiel für eine gelungene Deeskalation
Ort: Wohngruppe vor ein paar Tagen
Rolle: alleine im Dienst ab 13:15 mit Nachtdienst
Die Situation ist Folgende: Ein 10-jähriger Junge kommt hoch angespannt aus der Schule, mega kribblig, läuft auf den Sofas herum, kann nicht still sitzen beim Essen, rennt durch die Räume. Es sind noch sechs weiter Kinder anwesend. Seine letzten heftigen Eskalationen sind 2 Jahre her. Ich bemerke, er wird es an diesem Tag nicht schaffen, sich selbst zu regulieren.
Ich mache also mein Set und beschließe: ich begleite ihn heute den ganzen Tag. Ich nehme ihn überall hin mit. Ich frage ihn also, ob er mitkommt, hoch ins Dachgeschoß. Ich möchte möglichst viele Meter mit ihm machen, um die Energie abzuführen. Er geht überall hin mit, macht dort Dinge, fasst alles mögliche an, stört andere Kinder und Sitzungen. Und ich bleibe immer dabei: Selbstregulation – soziale Orientierungsreaktion auslösen – Kontakt – Co-Regulation und wieder von vorne. Ich bleibe an seiner Seite. Ich habe mich an diesem Tag bis zum Abend sicher 50 mal reguliert. Das war sehr anstrengend.
Dafür: am Abend beim Schlafen gehen, hat er sich beruhig und bedankt sich bei mir, dass ich den ganzen Tag für ihn da war. Er ist dankbar, dass ich die Zeit für ihn hatte und er gesehen wurde. Er konnte gut einschlafen.