CommuniTree
Jeden ersten Montag im Monat erforschen wir gemeinsam die Dynamik von Eskalation und Trauma. Für mehr Frieden in der Arbeit, zu Hause und in der Welt. NeuroDeeskalation® sucht nach würdevollem Umgang und heilsamer Begegnung, auch wenn das Bedrohungssystem aktiviert ist. Im CommuniTree begegnest Du Menschen, die sich und die Welt weiterentwickeln wollen. Wir suchen kreativ nach Alternativen zu Zwang, Macht, Strafe und Beschränkung. Im CommuniTree bekommst Du fachlichen Input und hörst Geschichten über Herausforderungen und heilsame Begegnungsmomente in Deeskalationssituationen. Du reflektierst eigene Begegnungen und entwickelst neue Handlungsoptionen. Ressourcenreich gemeinsam auf dem Weg. Wir freuen uns auf Dich!
Zur Zeit moderieren immer zwei andere NeuroDeeskalation® Trainer:innen den CommuniTree. Wir haben sie für euch interviewt, damit ihr sie und ihren Zugang zur NeuroDeeskalation® im Vorfeld ein wenig kennenlernen könnt. Viel Freude beim Lesen!
Interviews: Michaela Nutz
Interview mit Hanna Kolbel-Würmli
"Ich liebe die Herausforderung, sie bewirkt, dass ich mich weiterentwickeln will."
Michaela: Liebe Hanna! Du bist Supervisorin, Organisationsberaterin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, und NeuroDeeskalation® Trainerin. Ich würde gerne ein bißchen über dich und deinen Zugang zur NeuroDeeskalation® erfahren.
Hanna: Weißt du, mein ganzer beruflicher Werdegang hat mit Kindern und Jugendlichen zu tun - mit Kindern und Jugendliche, welche mit ihrem Verhalten auffallen und anecken. Sie interessieren mich, fordern mich heraus und gleichzeitig lösen sie viele Fragen aus und machen mich damit neugierig für neue Erklärungs- und Lösungsansätze – also sie versetzen mich in Weiterentwicklungsstimmung.
Michaela: Ich merke schon, dafür brennt auch dein Feuer, oder? So wie du sprichst, ist das dein Antrieb?
Hanna: Ja definitiv! Mein Erstberuf ist Lehrerin. Bereits in den Ausbildungspraktiken habe ich gemerkt, dass mich vor allem diejenigen Kinder und Jugendlichen ansprachen, welche in ihrem Verhalten auffallen und zu welchen der Zugang anspruchsvoll war. Mich interessierte das ‚Anderssein‘, die Kontaktaufnahmen, die mich herausforderten, die herausfordernde Beziehungsgestaltung.
Deswegen habe ich ein Ausbildungs-Praktikum in einer Sonderschulklasse mit normalbegabten Jugendlichen, welche herausforderndes Verhalten zeigten, absolviert. Das war eine grosse Heraus- und Überforderung – 12 Knaben, nur wenige Jahre jünger als ich! Nach jedem Tag hat mich mein Praktikumsanleiter gefragt „Wie war dein Tag? Was ist passiert? Mit dir und mit der Klasse? Wie war die Dynamik?“ Das hat mich sehr beeindruckt und geprägt – dieser Blick auf die Beziehungsgestaltung und nicht auf die Methodik und Didaktik. Diese Begleitung war für mich der Start in die Richtung, die ich bis heute gehe.
Nach einer kurzen Zeit als Lehrerin in der Regelschule und einer Ausbildung in modernem Ausdruckstanz habe ich mich entschieden, Kinder, Jugendliche und Bewegung zu verbinden.
Nach einer Ausbildung zur Psychomotorik-Therapeutin arbeitete ich im stationären Bereich einer Sonderschulinstitution. Ich liebte das Arbeiten sowohl mit einzelnen Kindern und Jugendlichen als auch mit Gruppen und Klassen. Natürlich war ich in diesem Setting immer wieder herausgefordert, ja überfordert. Diese Momente der Überforderung waren die Motivation – und sind es bis heute geblieben - mich weiter auszubilden, mehr zu lernen, mehr zu verstehen. Ich suchte die Antworten in der Ausbildung zur integrativen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.
Den Gruppen mit ihren Dynamiken, ihren Bewegungen bin ich bis heute begeistert treu geblieben. So mag ich die Arbeit als Multifamilientherapeutin sehr – das Spielerische, das Ernsthafte, das in Beziehung bringen der Familien, so dass sie voneinander lernen und sich selber als wirksam erleben können. Da stehen die Familien und nicht ich im Mittelpunkt. Zusammen mit meiner Co-Therapeutin sind wir verantwortlich für die Gruppen-Kohärenz, schaffen einen Kontext und halten den Raum für die Gruppe.
Im Zuge meiner Laufbahn habe ich gemerkt, dass ich gerne eine Leitungsrolle übernehmen möchte. Denn die Leitung von Teams bietet die Chance, auch die Rahmenbedingungen für die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen zu gestalten. Das habe ich rund siebzehn Jahre lang gemacht. Mit meiner Ausbildung in Neurodeeskalation® merkte ich, wie unterstützend und hilfreich die Haltung, das Wissen und die Interventionen auch im Leitungsalltag sind – sowohl mit Blick auf Kinder und Jugendlichen und deren Entwicklungsprozesse, als auch in der Personalführung: Neurodeeskalation® ist nicht nur in hoch-eskalativen Situationen extrem hilfreich, sondern auch für die Gespräche mit ‚roten‘ Eltern und ‚roten‘ Mitarbeiter:innen ist sie perfekt.
Michaela: Das ist denk ich ein guter Moment, um dich zu fragen, wie du denn dein ROT erkennst? Woran merkst du, dass du gestresst wirst oder bist?
Hanna: Vor kurzem habe ich den Begriff ‚schleichendes ROT‘ zum ersten Mal gelesen. Dieser Begriff hat mir sehr gefallen und hat mich inspiriert, darüber nachzudenken: Manchmal merke ich das schleichende ROT erst gar nicht, wenn es da so schleicht. Erst wenn ich innerlich nervös werde, unruhig bin, einen Druck im Brustkorb bemerke, welcher mir den Atemraum eng werden lässt, erst dann erkenne ich das schleichende Rot. Das passiert, wenn es mir zu viel wird – zu viele Aufgaben, zu viele Pendenzen, zu viele… oder zumindest das Gefühl von „zu viel“ da ist. Wenn ich das merke, kann es mir gelingen, mit Top-down-Regulierung zu ‚reagieren‘:
In solchen Situationen starte ich oft mit einem Selbstgespräch, wie z.B.: „Du weißt, du hast in der Vergangenheit meist alles geschafft.“ Am schnellsten funktioniert das Regulieren, wenn ich gleichzeitig ins Tun gehen kann. Im Handeln reguliere ich mich sehr schnell. Da weiß ich, ich bin schon dran an der Lösung und das ‚s’Füfi grad si loh‘ gelingt mir recht gut. Ich kann mich beim Gegenüber entschuldigen, wenn ich etwas vergessen habe, etwas hinausschieben musste oder auch einfach für einen Fehler, den ich gemacht habe. Damit habe ich kein Problem. Auch mir selbst einzugestehen, dass ich nicht immer alles so schaffen kann, wie ich gerne möchte. Das reguliert mich auch.
Woran ich mein schleichendes ROT auch erkenne? Wenn ich am Morgen „knurrig“ bin. Das verfliegt meist, wenn ich dann im Garten meinen Kaffee trinke. Oder spätestens, wenn ich mit dem Fahrrad zum Bahnhof fahre oder auf der Zugfahrt. Da erlebe ich meine schönen Momente: ich höre die Grillen, ich sehe ein Reh, die Weizenfelder riechen gut. Dann bin ich im Hier und Jetzt.
Michaela: Das kann ich persönlich sehr gut nachvollziehen! Aber wie steht es denn um dein ROT in beruflichen Situationen mit Jugendlichen, Heil- oder Sozialpädagog:innen?
Hanna: Das bezeichne ich als mein kleines ROT. Das sind oft kleine Alltags-Ärgernisse. Ich spüre dann einen Impuls: von unten geht er im Körper nach oben – das kleine Rot steigt auf - so wie in einem Vulkan. Das ist ein megacooles Warnsignal, mein kleines ROT. Das kleine ROT signalisiert mir, da braucht es jetzt Achtsamkeit gegenüber mir und meinem Gegenüber. Das ist superwichtig in der Leitung einer Institution. Die liegende Acht symbolisiert das wunderbar: von mir zum Gegenüber und zurück, immer wieder, diese Schwingung.
Dazu ein Beispiel: ich leite eine Sonderschule mit stationärem und teilstationärem Angebot. Der Schulpsychologische Dienst und die Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie weisen uns Kinder und Jugendliche zu, welche in der Regelschule nicht mehr beschult werden können.
Die Indikationskriterien wie auch unsere Haltung sind klar: diese Kinder und Jugendlichen werden bei uns beschult. Wenn manchmal ein Teammitglied kommt und sagt: Dieses Kind wollen wir nicht mehr, es gehört nicht zu uns, werde ich getriggert – ein kleines Rot. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt: Achtung hier kommt ein kleines Rot und ich sage zu mir den Satz „ich höre jetzt erstmal einfach zu was mein Gegenüber erzählt“. Durchs Zuhören reguliere ich mein kleines ROT. Und das Gespräch entwickelte sich hin zum Bedürfnis der gegenübersitzenden Person. Es ist eine Aufmerksamkeitslenkung, weg vom Kind, hin zum Betreuenden, bis etwas gesagt wird wie „ich bin einfach müde von diesem Kind.“ Und das ist dann die interessante Wendung zur eigentlichen Frage: "Was braucht mein Gegenüber, das Team an Unterstützung, damit es mit dem Kind weiterarbeiten kann? Was braucht das Dorf?“.
Ich nehme das kleine ROT sehr ernst. Ein großes, spontanes, überwältigendes ROT erlebe ich nur wenig – meist sind es Situationen, bei denen Scham im Spiel ist. Ich schäme mich, wenn ich meine Werte verletze, weil ich zum Beispiel im Moment keine alternativen Lösungen parat habe und ich auf alte – und oftmals nicht passende - Handlungsmuster zurückgreife.
Michaela: Liebe Hanna, du hast so viel Erfahrung in diesem Bereich und ich höre, dass du gelernt hast, dir deine Übergänge im Alltag und Leben so zu gestalten, dass du mit dem kleinen ROT schon schnell Grenzen erkennst und reagieren kannst, ohne selbst groß zu eskalieren. Aber wenn du dich schnell regulieren musst, was ist dein Set, dein Ablauf in dein GRÜN.
Hanna: Ich werde in meiner Leitungsrolle oft in Eskalationen dazu gerufen. Ich habe primär mein (Kurz-)Mantra: „Moment“ – leise denkend oder auch ausgesprochen. Ich weiss dann, dass ich ja nur diesen einen Moment lösen muss. Was vorher und nachher ist, ist im Moment nicht Thema. Das ist mein eigener, innerer Auftrag. Dann stelle ich die Füße fest auf den Boden, verankere mich, atme tief, bevor ich in die Situation gehe z. B. ins Klassenzimmer oder ich setze mich kurz auf die Bank davor. Ich orientiere mich erst, bevor ich in die Situation gehe. Diese Zeit nehme und gönne ich mir.
Und meine Haltung ist folgende: Ich bin da, ich sehe was möglich und vielleicht auch nicht möglich ist. Ich weiss auch ‚ich bin nicht allein‘, zur Not kann ich mir Unterstützung holen.
Was ich aus der Neuen Autorität immer mit dabei habe, ist die Verlässlichkeit, das Dasein – ‚ich bin da, ich sehe euch‘. Es ist mir wichtig in Beziehung zu sein und zu bleiben, eine gemeinsame Geschichte aufzubauen. Das Gegenüber beflügelt ja auch meine Entwicklung und der Satz ‚der Mitmensch ist wichtig‘ ist die Basis meiner Arbeit. Natürlich bin ich dem systemischen Ansatz verpflichtet. Es braucht immer Mitmenschen.
Michaela: Um da gleich anzusetzen: hast du aus der NeuroDeeskalation® ein Lieblingskonzept?
Hanna: Ich kann mich nicht auf ein Liebelingskonzept beschränken. Verschiedene Modelle, Metaphern, Bilder sind mir wichtig geworden. Das Modell der drei Kompetenzbereiche (Blasen) schätze ich sehr. Es gibt eine gute Orientierung. Wo befinden wir uns gerade? In der Wissensblase, der Interventionskompetenz oder in der Selbstreflexion? Das ist wichtig, um Inhalte zuordnen zu können und bei aller Komplexität den Überblick zu bewahren. Dasselbe gilt für das Modell des dreiteiligen Gehirns. Oder das Bild des Rehs für die soziale Orientierungsreaktion. Die Metapher der Bibliothek, in welcher die Bücher mit den Traumageschichten stehen, die umgeschrieben werden können gefällt mir sehr.
Und was ich natürlich genial finde, ist das ROT-GRÜN-Wording. Damit kann ich sehr schnell über komplexe Dinge reden und alle wissen, worum es geht. Das gilt sowohl in der Arbeit mit Teams, als auch in der Ausbildung. Die einfache, bildhafte Sprache macht das Konzept der NeuroDeeskalation® alltagstauglich.
NeuroDe®-Illustration: Die drei Kompetenzbereiche, mnutzDesign
Michaela: Abschließend möchte ich dich fragen, was würdest du sagen, ist deine wichtigste Ressource?
Hanna: Es sind die kleinen Glücksmomente, die im Alltag aus der Welt auftauchen. Ein Rotbrüstchen sehen, die Stare in unserem Garten schnarren hören, beobachten, wie sich ein Kormoran im Flug einen Fisch aus der Aare schnappt! So etwas. Vor langer Zeit war ich beim Trekking in Nepal, im Köngreich Mustang. Nach Erreichen eines 5000 MüM hohen Passes haben wir auf die Hochebene von Tibet geschaut. Diese Weite, dieser Weitblick, die Erinnerung daran ist eine Megaressource für mich, welche ich immer wieder aus der Erinnerung hole.
Michaela: Danke, liebe Hanna, für dieses überaus interessante Gespräch!
Hanna: Sehr gerne!
angebot
- Introduction
- Grundausbildung
- primär in der Schweiz
- Supervision in der Schweiz
- Workshops und Vorträge
- Führungscoaching
Zielgruppe
- Institutionen im Kinder- und Jugendbereich
Aus- und Weiterbildung
- Supervisorin, Organisationsberaterin
- Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin
- NeuroDeeskalation® Trainerin
Beispiel für eine gelungene Deeskalation
Ort: Sonderschulinstitution für Kinder und Jugendliche, welche Schwierigkeiten im Verhalten, in der Sprache, der Kommunikation und Interaktion haben
Meine Rolle: Co-Leitung der Schule
Die Situation ist Folgende: ich teile mit meiner Co-Leitung das Büro. In unserem Büro gibt es den Ärger-Sirup. Das ist ein Himbeersaft, der allen zur Verfügung steht, die sich gerade über etwas ärgern: den Kindern, und Jugendlichen, den Heilpädagog:innen, den Sozialpädagog:innen und auch Leiter:innen.
An diesem Tag erscheint ein Schüler in der Tür und meint: „Ich brauche Ärger-Sirup.“ Schon das Einschenken des Sirups verlangsamt: wieviel Sirup, wieviel Wasser? Fragen, wie ist die Mischung richtig oder braucht es mehr vom Sirup, richtet den Fokus auf das Hier und Jetzt. Wenig später kommt noch ein Schüler aus derselben Klasse mit demselben Bedürfnis und schliesslich noch weitere drei. Ich frage: wer ist überhaupt noch in eurer Klasse, wenn ihr alle da seid?“ „Die Lehrerin und S. sind noch im Klassenzimmer. Es ist voll chaotisch, S. rastet total aus.“
Also denk ich mir – auch wenn die Lehrerin nicht um Unterstützung gebeten hat - sie könnte mich vielleicht im Klassenzimmer brauchen. Ich übergebe die sirup-trinkenden Schüler meiner Kollegin und breche in Richtung Klassenzimmer auf.
Vor dem Klassenzimmer mache ich einen kleinen Halt, reguliere ich und mache erst dann die Türe auf. Die Lehrerin steht gleich bei der Türe. S. ist damit beschäftigt, alles was sie noch nicht heruntergerissen oder umgeschmissen hat, zu traktieren.
Nachdem ich halbwegs den Überblick habe, stelle ich mich neben die Lehrerin und spreche mit ihr über das, was ich sehe und vorgeht. „Da ist was los, ein ganz schönes Chaos ...“. Es wird ein unaufgeregtes Gespräch am Rande des ‚Sturms‘. Und ich bemerke, wie sich die Lehrerin entspannt. Und mit der Zeit wird auch S. ruhiger in ihren Bewegungen. Die Lehrerin und ich beginnen langsam aufzuräumen, immer miteinander sprechend. Nach einer Zeit steigt S. auch ein und hilft mit.
Interview mit Ute Rogers
"Ich möchte anderen Pflegefamilien helfen, entspannter mit ihrer Situation umgehen zu können"
Michaela: Liebe Ute! Du bist langjährige Pflegemutter und NeuroDeeskalation® Trainerin. Könntest du uns bitte erzählen, wie dein Zugang zur NeuroDeeskalation® entstanden ist?
Ute: Weißt du, ich bin keine Psychotherapeutin, ich habe keine psychosoziale berufliche Ausbildung. Ich habe mit meinem Mann zwei schwer traumatisierte Pflegekinder begleitet. Wir haben alle Tiefen erlebt. Aber trotz all der Herausforderungen, stehen sie jetzt mit Schul- und Ausbildungsabschluss im Leben.
Wir haben wirklich alles erlebt: extreme Gewalt, Dissoziation, unsere Tochter musste mit 6 Jahre wieder in eine Einrichtung. Wir mussten uns alles selber zusammensuchen, so vieles selbst erarbeiten. Die NeuroDeeskalation® hat uns 2017 sozusagen gerettet. Ab da wurde es besser. Meine Haltung zur Eskalation hat sich grundlegend geändert. Davor war alles ein Machtspiel. Danach haben sich die Eskalationen – darunter waren auch Messerattacken – von täglich auf einmal die Woche und dann alle paar Monate verringert.
Michaela: Hast du ein NeuroDe® Lieblingskonzept?
Ute: Die NeuroDeeskalation® ist ein Konzept, das kann ich einfach umsetzen. Es gibt diese einfache Sprache. Und am Anfang haben mir die Köperübungen geholfen, recht schnell zu mir zu kommen. Durch Breema und durch die Yoga-Atmung. Etwas hat mich da berührt und von da an konnte ich meine Haltung verändern. Ich habe plötzlich verstanden, worum es in der Eskalation geht: „Bleib bei mir, wenn ich eskaliere!“. Es geht darum den Kontakt nicht abzubrechen. Und es beginnt immer bei mir selbst.
Deswegen ist mein Lieblingskonzept auch ganz klar: „Bindung als Konsequenz“. Mein Sohn hat sein Zimmer oft völlig zerstört. Ich habe gelernt. Ich bleibe vor der Tür. Reingehen ist gefährlich. Oder ich nehme einen Polster und halte ihn vor mich wegen der fliegenden Gegenstände. Es gibt eine Rote Zone, weiter gehe ich nicht, aber am Rand bleibe ich. Es ist für ihn ja im nach hinein immer beschämend – auch das Zusammenräumen. Ich habe es dann gemacht, er ist aber im Zimmer bei mir, geblieben. Irgendwann haben wir angefangen, gemeinsam aufzuräumen.
Folgende Sätze sind mir in diesem Zusammenhang zu wichtigen Wegbegleitern geworden:
- In Kontakt bleiben
- Immer wieder selber Grün werden
- Selbst-Regulation vor Co-Regulation
- Über den Abgrund führen
NeuroDe®-Illustration: Bindung als Konsequenz, mnutzDesign
Michaela: Könntest du uns erzählen, wie du dein ROT und dein GRÜN erlebst?
Ute: Bei ROT fängt mein Körper an zu beben – ich spür eine riesige Anspannung. Sie beginnt im Brustbereich. Alles zieht sich zusammen und dann halte ich die Luft an. Dann sage ich mir „STOP!“. Das ist mein Break. Ich lege meine Hand auf mein Schlüsselbein, diese Körperberührung hilft mir runter zu kommen.
Ich drehe mich dann kurz weg, aus der Situation hinaus. Dann atme ich tief ein und aus. Das befreit mich von Enge und Anspannung. Dann drehe ich mich wieder zurück und gehe in die Situation.
Wenn es ganz schlimm ist, gehe ich kurz ganz raus, benenne das aber deutlich „Ich komm gleich wieder zurück.“ Das muss dann auch verlässlich immer passieren.
Wenn das Trauma zu nahe kommt, dann nehme ich es nicht. Ich habe ein virtuelles Schutzschild vor meinem Körper. Oft auch echt ein Kissen. Ich spüre wenn das Trauma sich annähert und kann es abfangen. Und dann agiere ich statt zu reagieren.
Einmal hat sich mein Sohn in seinem Zimmer eingesperrt und davor Glasflaschen auf der Stiege zerbrochen, auch volle. Ich hab geklopft, er hat geschrien ich solle abhauen. Ich habe gesagt, ok, ich komme gleich wieder. Und dann hab ich mit Aufräumen begonnen. Das tut mir gut. Das Ordnung schaffen. Die Struktur wieder herstellen. Und dazwischen immer wieder sagen, dass ich noch da bin. Das reguliert mich und ihn.
Inzwischen weiß ich auch: ich bin nicht gemeint.
Um zwischendurch runterzukommen, geh ich in den Garten Rosen schneiden oder Gießen. Eine große nachhaltige Ressource ist für mich der Segelsport.
Michaela: Abschließend möchte ich dich noch fragen – was treibt dich an?
Ute: Ich möchte meinen gebündelten, langjährigen Erfahrungen nutzen, um anderen Pflegefamilien zu helfen, entspannter mit ihrer Situation umgehen können.
Michaela: Ich danke dir sehr für das Gespräch!
Ute: Es hat mich sehr gefreut, danke ebenso!
angebot & Ausblick
- Introduction und Coaching für Pflegeeltern, Pflegeelternverbände, Einrichtungen, Fachkräfte im Pflegeelternkontext
- NeuroDeeskalation in die Institutionen bringen
aktuell
- Introduction Gesamtschule Höhscheid, Solingen März 2023
- Introduction Fachzentrum für Pflegekinder mit FASD, Köln Mai 2024
- Online Coaching Pflegefamilie Juni 2024
- Online Coaching PeerGroup Wingerdbloei Einrichtung, Belgien Mai 2025
- Introduction VSE NRW Bielefeld-Netzwerk Pflegeeltern Mai 2026
Aus- und Weiterbildung
- Trainerin NeuroDeeskalation
- Ausbildung Coach für Neue Autorität
- Pflegemutter seit 20 Jahren von 2 schwer traumatisierten Pflegekindern
- Seminar sowie Fachtag Salzburg zum Thema Scham & Würde
- Traumafortbildung Jugendamt München nach Wilma Weiß
- Traumafachtag Tabaluga
- Innere Kind Arbeit – FamilienKlinik Waldmünchen
- Fortbildung BettinaBonus – Mit den Augen eines Kindes sehen lernen
- Individualpsychologie nach Dreikurs – Seminare+Gruppe
- Kfm. Angestellte-Organisation von TeamEvents/globale Sales Mtg/TeamAssistenz
- Langjährige Segelerfahrung im Team