Jeden ersten Montag im Monat erforschen wir gemeinsam die Dynamik von Eskalation und Trauma. Für mehr Frieden in der Arbeit, zu Hause und in der Welt. NeuroDeeskalation® sucht nach würdevollem Umgang und heilsamer Begegnung, auch wenn das Bedrohungssystem aktiviert ist. Im CommuniTree begegnest Du Menschen, die sich und die Welt weiterentwickeln wollen. Wir suchen kreativ nach Alternativen zu Zwang, Macht, Strafe und Beschränkung. Im CommuniTree bekommst Du fachlichen Input und hörst Geschichten über Herausforderungen und heilsame Begegnungsmomente in Deeskalationssituationen. Du reflektierst eigene Begegnungen und entwickelst neue Handlungsoptionen. Ressourcenreich gemeinsam auf dem Weg. Wir freuen uns auf Dich!

Zur Zeit moderieren immer zwei andere NeuroDeeskalation® Trainer:innen den CommuniTree. Wir haben sie für euch interviewt, damit ihr sie und ihren Zugang zur NeuroDeeskalation® im Vorfeld ein wenig kennenlernen könnt. Viel Freude beim Lesen! 

Interviews: Michaela Nutz

Interview mit Rita Berger

"Wenn es mir gelingt, Beziehungsraum zu gestalten, bin ich sehr zufrieden."

Rita Berger

Michaela: Hallo Rita! Du bist Psychologin, Sozialpädagogin und NeuroDeeskalation® Trainerin. Würdest du uns bitte ein wenig über dich und deinen Zugang zur NeuroDeeskalation® erzählen?

Rita: Ja, gerne! Ich habe während meines gesamten beruflichen Werdegangs mit Familien, Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Lebenssituationen gearbeitet: im Heim, in der Frühförderung, mit Pflege- und Adoptivfamilien, im Jugendamt und in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche.

Zur NeuroDeeskalation® kam ich durch eine Kollegin, mit der ich damals Seminare für Pflegeeltern angeboten habe. Zunächst absolvierte ich die Grundausbildung und konnte schon bald einige Aspekte und hilfreiche Tools in meinen Arbeitsalltag integrieren.

 

Michaela: Dein Beruf klingt sehr abwechslungsreich.

Rita: Ja, ich schätze diese Abwechslung und die Vielfalt sehr. Ich arbeite mit Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten. Da sind Kinder und Jugendliche, Eltern und Familien, Kitas und Schulen. Menschen mit Fluchthintergrund und Familien in hochstrittigen Trennungssituationen.  Bei Pflege- und Adoptiveltern kommt neben den allen Herausforderungen die der Alltag mit den oft traumatisierten Kindern mit sich bringt, auch noch das Thema FASD dazu.

Es ist ein breites Spektrum, und genau diese Vielfalt schätze ich sehr. Immer wieder geht es dabei auch um das gesamte Helfersystem. Familien, in denen es zu Eskalationen kommt, sind neben den Herausforderungen, die der Alltag mit sich bringt, oft konfrontiert mit strukturellen Herausforderungen. Sie stehen unter Beobachtung und viele Akteure  mischen mit. Es kommt hier immer wieder zu struktureller Gewalt. Da geht es auch um Zeugenschaft. In diesen Fällen brauche ich sehr viel Eigenregulation. Aber ich trete hier für meine Werte ein, ich kann gar nicht anders, weil ich sonst einen Teil in mir verraten würde. 

 

Michaela: Das bringt mich gleich zur nächsten Frage. Was treibt dich in deiner Arbeit an?

Rita: Ich arbeite sehr gerne mit Menschen. Ich stelle gerne zur Verfügung, was ich kann. Und die Begegnungen mit meinen Klient:innen geben mir viel Energie. Gerade wenn viel Stress, Belastung und innere Not da sind und es mir gelingt, einen kleinen Raum zu schaffen, in dem wieder Begegnung möglich wird, macht mich das sehr zufrieden. Oft braucht es dafür gar nicht viel. Ich mag wenn ich Klienten:innen neu  kennenlerne und ich für eine Zeit den Weg begleiten kann, es gibt so viele spannende, lebendige, herausfordernde und auch humorvolle Momente, trotz aller Schwere.

Besonders am Herzen liegt mir die Arbeit mit Eltern, vor allem wenn Kinderschutzfragen im Raum stehen. Ich gehe zunächst einmal davon aus, dass Eltern wollen, dass es ihren Kindern gut geht und dass die Kinder gut aufwachsen können und gleichzeitig kommt es zu Gewalt, Misshandlung und Missbrauch Auch wenn ich in meiner Arbeit Dinge erlebt habe, die sehr schwer auszuhalten sind, versuche ich die Haltung, die Kontakt und Entwicklung ermöglicht nicht zu verlieren.

Ich frage mich dann: Was ist im Leben dieses Menschen passiert? Welchen guten Grund haben sie, genau so zu handeln. Das Geschehene wird dadurch nicht weniger schwerwiegend, und Verantwortung bleibt Verantwortung. Eine von mir sehr geschätzte Vorgesetzte hat, wenn wir uns über Eltern geärgert haben oft gesagt, „Wir wissen nicht, welchen Fügungen wir es zu verdanken haben, auf dieser auf Seite des Schreibtischs zu sitzen.“  Dieser Satz ist mir geblieben, er erdet mich.

Als Kinderschutzfachkrafti geht es für mich oft zuerst darum, zu sortieren und Ruhe hineinzubringen. Ich vertraue darauf, dass es immer einen nächsten kleinen Schritt gibt. In der Beratung ist mir wichtig, den Kolleg:innen, die die Familien begleiten, Sicherheit und Zuversicht zu vermitteln – sozusagen im Hintergrund als „Green Stand-by“ präsent zu sein.

NeuroDeeskalation® gibt mir für meine Arbeit eine wichtige Orientierung. Es ist so eine Art Basislager.  Die Konzepte und das Wissen sind für mich wie Landkarten. Sie helfen mir, zu verstehen, was gerade passiert.

Wenn ich selbst in Kontakt mit mir bleiben kann, kann ich auch meinem Gegenüber anders begegnen. Und manchmal entsteht daraus ein kleiner Raum, in dem wieder etwas möglich wird – für Kontakt, für Sicherheit und Entwicklung.

 

Michaela: Wenn du an GRÜN und ROT in der NeuroDeeskalation®-Sprache denkst, wie formulierst du das für dich in deinem Alltag?

Rita: GRÜN würde ich als „Ich bin mit mir in Kontakt“ beschreiben. Es fühlt sich nach Weite an. Ich kann mein Umfeld gut wahrnehmen. Ich muss nicht auf alles sofort reagieren, sondern kann innehalten und hab Handlungsspielraum. Ich habe Zugriff auf mich und meine Fähigkeit. Ich kann mir innerlich zulächeln, so würde ich das beschreiben.

ROT verbinde ich mit Enge und einem verengten Blick. Wenn ich es bemerke, begegne ich meinem ROT – je nach Situation – manchmal mit Humor. Ich versuche, aus einer Außenperspektive auf mich und mein Tun zu schauen. Manchmal erlaube ich mir auch einfach mehr Abstand. Oder es gibt innere Bilder, die ich mir bewusst hole, um wieder ins GRÜN und damit in den Kontakt mit mir selbst zu finden.

 

Michaela: Woher nimmst du deine Energie? Gibt es eine spezielle Ressource, die dich auffängt?

Rita: Das Zitat „Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“ trifft es für mich ganz gut. Ich habe in mir ein kleines Licht, das nicht ausgeht.

Energie schöpfe ich auch aus den vielen Begegnungen, die ich im Laufe meines beruflichen Lebens erleben durfte – mit Kindern, Jugendlichen und Eltern, und mit Kolleg:innen.  

„As long as we hope, there is hope“, hat einmal eine Klientin zu mir gesagt. Sie befand sich damals in einer existenziell sehr schwierigen Situation. Dieser Satz begleitet mich. Er erinnert mich daran, mich auch in schwierigen Situationen nicht von den Sorgen vereinnahmen zu lassen, sondern den Raum für Hoffnung und Möglichkeiten offen zu halten. I Der Satz ist für mich die Übersetzung, des kleinen Lichtes das nicht ausgeht.

 

Michaela: Gibt es eigentlich für dich ein Modell oder Konzept aus der NeuroDeeskalation®, das du besonders schätzt?

Rita: Ich bin dankbar für viele Konzepte und experimentiere gerne mit ihnen. Es kommt darauf an, mit wem ich arbeite und in welchem Zusammenhang ich etwas anwende oder ausprobiere.

Die Konzepte sind für mich wie Landkarten, die Orientierung geben und mir helfen, Situationen und Zusammenhänge besser zu verstehen. Ich habe viele verschiedene Landkarten.

Am wichtigsten ist mir jedoch die Haltung: so mit mir selbst in Kontakt zu sein, dass ich es anderen Menschen ermögliche, in den Beziehungsraum einzutreten, ohne mich dabei selbst zu verlieren.

Dann entsteht eine unsichtbare Verbindung. Trotz aller Schwere kann eine Leichtigkeit entstehen, weil Begegnung stattfindet. Das schätze ich sehr und das macht mich zufrieden.

 

Michaela: Liebe Rita, besten Dank für das interessante Gespräch!

Rita: Gerne!

 

Kompass ORienteirung NeuroDeeskalation

NeuroDe®-Illustration: Die Haltung ist Orientierung. Selbst- und Co-Regulation statt Verhaltenskontrolle

angebot
  • Introduction
  • Grundausbildung
  • Coaching
  • Deutsch / Englisch
Zielgruppe
  • Fachkräfte in Kitas, der Jugendhilfe und Frühförderung
  • (Pflege-)Familien
Aus- und Weiterbildung
  • Sozialpädaogin
  • Dipl. Psych.
  • Kommunkationspsychologin (Schultz v. Thun)
  • Elterncoach (Neue Autorität)
  • Traumapädagogik
  • Entwicklungspsychologische Beratung von Eltern mit Risikokindern
  • Sozialtherapeutisches Rollenspiel
  • Kinderschutzfachkraft
Ressource

Interview mit Dominik Lang

"Ich habe zwei primäre Ressourcen: den Forschergeist und meinen Garten."

Dominik Lang

Michaela: Hallo Dominik! Du bist selbständiger NeuroDeeskalation® Trainer, Supervisor und Sozialpädagoge. Würdest du uns bitte ein wenig über dich und deinen Zugang zur NeuroDeeskalation® erzählen?

Dominik: Hallo, sehr gerne! Ich bin sozusagen ein Quereinsteiger. Mit Anfang 30 – ich hatte Verschiedenstes probiert – war ich auf der Suche nach einer neuen beruflichen Identität. Da ergab sich die Gelegenheit in einer sozialtherapeutischen WG als Einzelbetreuer einzusteigen. Zunächst war ich skeptisch, ob das Arbeiten mit herausfordernden Jugendlichen wirklich etwas für mich wäre. Ich wurde aber schnell, sowohl von meiner Arbeit als auch von mir selbst überrascht. Ich hatte Freude und Spaß an meiner Tätigkeit und an der Weiterentwicklung in diese Richtung.

Doch die Rahmenbedingungen in dieser WG wirkten leider sehr auszehrend und ich musste mir nach gut 5 Jahren eingestehen, dass ich womöglich in ein Burnout schlittern könnte, würde ich mich da nicht herausnehmen. Wieder auf der Suche nach einer neuen beruflichen Identität, eröffnete sich mir die Möglichkeit bei einem  sozialpsychiatrischen Pilotprojekt Teil des Gründungsteams zu werden. In dem Projekt betreuten wir junge Erwachsene. Das Konzept überzeugte mich, eine ausgewogene Work-Life-Balance war Teil davon.  Die gelebte Haltung war (im Positiven) eine deutlich andere, als ich sie von der vorherigen Einrichtung kannte und so wurde allen Mitarbeitenden beispielsweise eine Fortbildung ihrer Wahl finanziert - in meinem Fall wählte ich die Grundausbildung zur NeuroDeeskalation®. Ich war sofort Feuer und Flamme. Ich hatte es während meiner Arbeit in den WGs schon vermutet, dass es für Deeskalation einen anderen Weg als Fixierung geben musste. Und hier fand ich Bestätigung. Ich nahm an einem Rollenspiel als einer meiner Klienten Teil, was mich tief beeindruckte. Ich begab mich auf diesen neuen Weg und versuchte auch gleich mein Team mit einzubeziehen. In der Arbeit experimentierte ich mit der neuen Haltung und Methode. Nicht alles, aber einiges glückte mir. Ich absolvierte die Vertiefungsausbildung und um in Übung und im Weiterlernen zu bleiben, auch gleich die Trainer:innen-Ausbildung. So kam die NeuroDesskalation® in mein Leben.

 

Michaela: Ich verstehe! Darf ich dich an dieser Stelle gleich zur Wahrnehmung deines ROT-Zustands befragen? Wie drückt sich Stress oder das Übergehen deines Nervensystems in einen Bedrohungszustand bei dir aus? Wie erkennst du dein langsames und dein schnelles ROT?

Dominik: Ganz sicher ist, es gibt ganz, ganz viele ROTs. Many shades of red, sozusagen. Es ist kontextabhängig und sehr unterschiedlich. Zu Beginn war es schon einmal extrem wichtig, das Konzept von ROT und GRÜN überhaupt einmal zu hören und zu lernen. Man merkt plötzlich, wie oft man in einen roten Zustand kippt, sich das eigene Nervensystem in einem Bedrohungsmodus begibt. Und man lernt, dass man sich über Selbstregulation – mit Hilfe eines Sets – helfen kann. Und weiterführend, mit Co-Regulation, auch anderen.

Mir war recht schnell klar, dass ich wegen der vielen unterschiedlichen ROTs mehrere Sets brauche, um wieder GRÜN zu werden. Das war für mich tatsächlich ein Schlüsselmoment, als ich erkannt habe, dass ich mehr als ein Set brauche, da es mehr als ein ROT gibt.

Auch gibt es ja unterschiedliche Eskalationen: die laute, die gefährlich sein kann für Personen und wo Dinge zerstört werden. Oder die leise, mit Selbstverletzung, Dissoziation, in sich zusammenfallen. Mein eigener defensiver Impuls ist in beiden Fällen ein anderer. Es war sehr spannend herauszufinden, worauf ich wie reagiere.

Unser natürlicher Impuls auf Eskalation ist ja „Ich will weg!“, aber man kann eben lernen: Ich geh auf die Eskalation zu und begleite heraus.

Mir ist klar geworden, bei lauten Eskalationen reagiere ich selbst mit Kampfmodus. Meine ersten Gedanken sind „Jetzt reicht's!“ oder „Das gibt's ja nicht!“. In der Brust wird es eng, ich verspüre große Unruhe im Körper und mache Bewegungen, große Bewegungen. Das bedeutet, ich brauche in diesem Fall ein Set, das mich vom Kampf wegleitet.

Eine leise Eskalation löst bei mir aus, dass ich mitgehe. Ich friere ein, werde sozusagen selbst ohnmächtig. Ich gehe ins Freeze. Ich vergesse, dass ich Beine habe und meine Gedanken sind: „ich muss jetzt ...“ oder „jetzt bleibt gar nichts anderes übrig als ...“ oder meine Gedanken vernebeln überhaupt.

Was mir hier hilft ist: Berührung im Brustbereich, ich spüre meinen Herzschlag und atme bewusst. Zuspruch oder die Ebene der Kognition sind bei mir eher zweitrangig. Ich reguliere mich stark über den Körper. Ich möchte dann in Bewegung bleiben. Ich pendle vor und zurück oder links und rechts. Ich mache große Bewegungen bei lauter und kleine bei leiser Eskalation. Ein großer Teil der Regulation läuft dabei über die Atmung. Bei der leisen Eskalation berühre ich meine Beine. Im Sitzen geht das gut. Dabei drücke ich z.B. mit dem Daumen in meinen Oberschenkel.

 

Michaela: Ich würde gerne nachhaken: du hast das Kennenlernen deiner Impulse für das Wahrnehmen deiner ROTs herausgestrichen.

Dominik: Genau. Ich kann erst dann gut in Kontakt mit mir selbst sein und bleiben, wenn ich mich auch auf Körper- und Atmungsebene gut kenne. Während einer Eskalation hat man kaum Zeit, da kommt man darauf intuitiv immer wieder zurück. Das funktioniert nur über Beobachten, Wahrnehmen und Training.

 

Michaela: Und dieses schleichende ROT? Wo begegnet dir das?

Dominik: Das war primär in meiner Leitungstätigkeit in der WG, oft in schwierigen Phasen. Wenn im Team schon eine Grundanspannung vorhanden war und ich das auch gespürt habe. Ich habe dann immer schon in der Früh meine Vagus-Übungen gemacht. Und mein Garten ist mein wichtigstes Regulationstool. Dort kann ich mich lange aufhalten, mich auch körperlich richtig anstrengen. Das tut sehr gut. Und ich unternehme gerne Spaziergänge in den benachbarten Wald.

 

Michaela: Gibt es eigentlich für dich ein Modell oder Konzept aus der NeuroDeeskalation®, das du besonders zu schätzen gelernt hast?

Dominik: Da gibt es mehrere. Was mir sehr wertvoll geworden ist, ist das Modell der Firefighter. Es zeigt, dass es immer einen guten Grund für schwierige Verhaltensweisen gibt. Und es ist unsere Aufgabe diesen zu erforschen. Gerade bei  herausfordendem Verhalten ist dieses Wissen so wichtig, um aus der Dynamik der Schuldzuweisung und den Kontrollphantasien auszusteigen. Ich höre noch immer so oft: „Die wollen uns provozieren, manipulieren, Macht ausüben ...“. Dazu passt auch gut das Drama-Dreieck. Damit kann ich mir mehr oder weniger einen guten Teil der Welt erklären. Es zeigt, wie schnell wir in diese Dynamik verfallen, weil wir alle unsere Mikro-Traumata haben. Es eignet sich super, um auf Machtpädagogik hinzuweisen, die immer in der selben Spirale verbleibt und zu keiner Lösung führt.

Ein weiteres Konzept möchte ich noch nennen: die Soziale Orientierungsreaktion und zwar im Konnex mit dem Zitat Viktor Frankls:

Zitat Viktor Frankl

Was heißt würdevolles arbeiten mit Menschen? Ist, mich auf meine Machtposition berufen, würdevoll? Ich glaube nicht. In Kontakt gehen statt zu dominieren oder sich hinter der beruflichen Funktion zu verstecken - als Person einer anderen Person begegnen, das finde ich deutlich würdevoller. Es ermöglicht mir autonomes arbeiten, das heißt, es gibt immer einen Weg, weil es liegt an meiner Selbstregulation. Wenn Deeskalation nicht gelingt, dann kehre ich immer wieder zu mir zurück und beginne von vorne.

 

Michaela: Was treibt dich an? Was gibt dir die Energie, immer wieder von vorne zu beginnen?

Dominik: Große Neugierde! Was ist eigentlich Eskalation? Was passiert da? Die Neugierde reguliert mich auch gleichzeitig, ich gerate oft in den Playmode. Ich will das Rätsel lösen, ich weiß es gibt einen Weg. Es ist, vereinfacht gesagt, wie bei Escape the room. Beim Arbeiten mit Menschen mit sehr herausforderndem Verhalten wissen wir einfach oft wenig über die Hintergründe. Und die Neugier ist bei mir in einzelnen Eskalationen so groß, wie über gesamte Betreuungszeiträume. Diese Haltung, mit aufgesetzter Forscherbrille auf die Situation zu schauen, bringt uns weg von dem Gefühl, die „Zustände aushalten zu müssen“. Das betrifft das gesamte Team. Es sind immer Forschungsprojekte zu uns selbst und zum Gegenüber. Wir erforschen unsere Beziehungen.

Und es besteht der Wunsch, nicht in alte Muster zu kippen. Es sollen für alle Beteiligten Sinn gebende Lösungen gefunden werden. Dazu muss ich auch ergänzen, dass all diese Erfahrungen, auch mich selbst enorm weitergebracht haben in meinem Leben. Es geht in der NeuroDeeskalation® sehr um einen selbst. Auch zehre ich noch immer von meinen alten Eskalationserfahrungen, die ich erlebte, bevor ich wusste, dass Deeskalation ohne Fixierung möglich ist. Ich stelle mir oft vor, wie heilsam es für alle Beteiligten gewesen wäre, hätte ich von diesen Möglichkeiten gewusst und meinen Klient:innen würdevoller beistehen können.

Michaela: Lieber Dominik, vielen herzlichen Dank für das tiefgehende Gespräch!

Dominik: Danke auch und sehr gerne!

NeuroDe Illustration - Firefighter

NeuroDe®-Illustration: Das Konzept der Firefighter weist darauf hin, dass uns stabilisierende Verhaltensweisen immer helfen, uns zumindest kurzzeitig besser zu fühlen. Langfristiges Ziel ist es, das Verhalten von selbst- und fremdschädigend in Richtung gesund und hilfreich zu adjustieren.

angebot & Ausblick
  • Introduction
  • Grundausbildung
  • Vertiefung
  • Follow-up
  • Supervision
  • Workshops und Vorträge
  • Führungscoaching
aktuell
  • Selbstständig
Aus- und Weiterbildung
  • Pädagogischer Leiter
  • Sozialpädagoge
  • NeuroDeeskalation® Trainer
  • Supervisor
Ressource

Beispiel für eine gelungene Deeskalation

Dominiks Beispiel für eine gelungene leise Deeskalation

Ort: Jugend-WG

Meine Rolle: Nachtdienst, eingesprungen wegen vieler Krankenstände, NeuroDeeskalation® ist erst am Anfang der Implementierung

Die Situation ist Folgende: Die Jugendliche kommt gegen 21:45 Uhr an mein Dienstzimmer. Sie sagt nichts, schaut mich kurz an und zeigt mir eine tiefe, klaffende Schnittverletzung, die sie sich zugefügt hat.  „Gut, dass du kommst“ versuche ich in Kontakt zu kommen. Es gelingt nicht ganz. Nach ein wenig Zeit sage ich:“ Du weißt eh, das das versorgt werden muss.“ Sie schreit: „Naaa, naa, wenn du die Rettung rufst, renn' ich weg und bring mich um!“. Ich spüre die ROT-Anflutung in mir. Die Beine werden weich, die Knie geben nach, ich fühle die schleichende Ohnmacht. Ich reguliere mich und sage:“ Jetzt setzen wir uns einmal hin.“ Wir gehen aus dem Zimmer, ich lasse die Türe offen. Das alte Gebäude hat außen verlaufende, dicke Heizungsrohre. Sie liegen teils am Boden auf, wir setzen uns nebeneinander auf ein solches. Ich schau gerade aus. Atmung. Berührung der Beine. Ich schau immer wieder kurz zu ihr. Sie starrt geradeaus. Ich atme, beginne ganz leise zu summen, spüre meinen Herzschlag. Atme eine Minute für mich. Wir sitzen eng nebeneinander, berühren einander aber nicht. Dann folge ich einem Impuls und stubse sie ein bißchen mit der Schulter an. Da bewegt sie den Kopf zu mir. „Ja ok, jetzt kannst' die Rettung rufen.“ Wir sind draußen sitzengeblieben und haben in der selben Position auf die Rettung gewartet. Sie ist sogar mit ins Krankenhaus gefahren. Normalerweise brauchten wir in der Situation  häufig auch einen Polizeieinsatz.

Besonders für mich an diesem Fall ist auch: obwohl die Jugendliche schon ein Jahr lang in der WG wohnte, hatten wir beide kaum Kontakt bis dahin. Aber ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich eine wohlwollende, konfrontativ-lustige Humorebene, die für uns beide sehr angenehm war.