"Ich habe zwei primäre Ressourcen: den Forschergeist und meinen Garten."

Interview und Text: Michaela Nutz

Michaela: Hallo Dominik! Du bist selbständiger NeuroDeeskalation® Trainer, Supervisor und Sozialpädagoge. Würdest du uns bitte ein wenig über dich und deinen Zugang zur NeuroDeeskalation® erzählen?

Dominik: Hallo, sehr gerne! Ich bin sozusagen ein Quereinsteiger. Mit Anfang 30 – ich hatte Verschiedenstes probiert – war ich auf der Suche nach einer neuen beruflichen Identität. Da ergab sich die Gelegenheit in einer sozialtherapeutischen WG als Einzelbetreuer einzusteigen. Zunächst war ich skeptisch, ob das Arbeiten mit herausfordernden Jugendlichen wirklich etwas für mich wäre. Ich wurde aber schnell, sowohl von meiner Arbeit als auch von mir selbst überrascht. Ich hatte Freude und Spaß an meiner Tätigkeit und an der Weiterentwicklung in diese Richtung.

Doch die Rahmenbedingungen in dieser WG wirkten leider sehr auszehrend und ich musste mir nach gut 5 Jahren eingestehen, dass ich womöglich in ein Burnout schlittern könnte, würde ich mich da nicht herausnehmen. Wieder auf der Suche nach einer neuen beruflichen Identität, eröffnete sich mir die Möglichkeit bei einem  sozialpsychiatrischen Pilotprojekt Teil des Gründungsteams zu werden. In dem Projekt betreuten wir junge Erwachsene. Das Konzept überzeugte mich, eine ausgewogene Work-Life-Balance war Teil davon.  Die gelebte Haltung war (im Positiven) eine deutlich andere, als ich sie von der vorherigen Einrichtung kannte und so wurde allen Mitarbeitenden beispielsweise eine Fortbildung ihrer Wahl finanziert - in meinem Fall wählte ich die Grundausbildung zur NeuroDeeskalation®. Ich war sofort Feuer und Flamme. Ich hatte es während meiner Arbeit in den WGs schon vermutet, dass es für Deeskalation einen anderen Weg als Fixierung geben musste. Und hier fand ich Bestätigung. Ich nahm an einem Rollenspiel als einer meiner Klienten Teil, was mich tief beeindruckte. Ich begab mich auf diesen neuen Weg und versuchte auch gleich mein Team mit einzubeziehen. In der Arbeit experimentierte ich mit der neuen Haltung und Methode. Nicht alles, aber einiges glückte mir. Ich absolvierte die Vertiefungsausbildung und um in Übung und im Weiterlernen zu bleiben, auch gleich die Trainer:innen-Ausbildung. So kam die NeuroDesskalation® in mein Leben.

 

Michaela: Ich verstehe! Darf ich dich an dieser Stelle gleich zur Wahrnehmung deines ROT-Zustands befragen? Wie drückt sich Stress oder das Übergehen deines Nervensystems in einen Bedrohungszustand bei dir aus? Wie erkennst du dein langsames und dein schnelles ROT?

Dominik: Ganz sicher ist, es gibt ganz, ganz viele ROTs. Many shades of red, sozusagen. Es ist kontextabhängig und sehr unterschiedlich. Zu Beginn war es schon einmal extrem wichtig, das Konzept von ROT und GRÜN überhaupt einmal zu hören und zu lernen. Man merkt plötzlich, wie oft man in einen roten Zustand kippt, sich das eigene Nervensystem in einem Bedrohungsmodus begibt. Und man lernt, dass man sich über Selbstregulation – mit Hilfe eines Sets – helfen kann. Und weiterführend, mit Co-Regulation, auch anderen.

Mir war recht schnell klar, dass ich wegen der vielen unterschiedlichen ROTs mehrere Sets brauche, um wieder GRÜN zu werden. Das war für mich tatsächlich ein Schlüsselmoment, als ich erkannt habe, dass ich mehr als ein Set brauche, da es mehr als ein ROT gibt.

Auch gibt es ja unterschiedliche Eskalationen: die laute, die gefährlich sein kann für Personen und wo Dinge zerstört werden. Oder die leise, mit Selbstverletzung, Dissoziation, in sich zusammenfallen. Mein eigener defensiver Impuls ist in beiden Fällen ein anderer. Es war sehr spannend herauszufinden, worauf ich wie reagiere.

Unser natürlicher Impuls auf Eskalation ist ja „Ich will weg!“, aber man kann eben lernen: Ich geh auf die Eskalation zu und begleite heraus.

Mir ist klar geworden, bei lauten Eskalationen reagiere ich selbst mit Kampfmodus. Meine ersten Gedanken sind „Jetzt reicht's!“ oder „Das gibt's ja nicht!“. In der Brust wird es eng, ich verspüre große Unruhe im Körper und mache Bewegungen, große Bewegungen. Das bedeutet, ich brauche in diesem Fall ein Set, das mich vom Kampf wegleitet.

Eine leise Eskalation löst bei mir aus, dass ich mitgehe. Ich friere ein, werde sozusagen selbst ohnmächtig. Ich gehe ins Freeze. Ich vergesse, dass ich Beine habe und meine Gedanken sind: „ich muss jetzt ...“ oder „jetzt bleibt gar nichts anderes übrig als ...“ oder meine Gedanken vernebeln überhaupt.

Was mir hier hilft ist: Berührung im Brustbereich, ich spüre meinen Herzschlag und atme bewusst. Zuspruch oder die Ebene der Kognition sind bei mir eher zweitrangig. Ich reguliere mich stark über den Körper. Ich möchte dann in Bewegung bleiben. Ich pendle vor und zurück oder links und rechts. Ich mache große Bewegungen bei lauter und kleine bei leiser Eskalation. Ein großer Teil der Regulation läuft dabei über die Atmung. Bei der leisen Eskalation berühre ich meine Beine. Im Sitzen geht das gut. Dabei drücke ich z.B. mit dem Daumen in meinen Oberschenkel.

 

Michaela: Ich würde gerne nachhaken: du hast das Kennenlernen deiner Impulse für das Wahrnehmen deiner ROTs herausgestrichen.

Dominik: Genau. Ich kann erst dann gut in Kontakt mit mir selbst sein und bleiben, wenn ich mich auch auf Körper- und Atmungsebene gut kenne. Während einer Eskalation hat man kaum Zeit, da kommt man darauf intuitiv immer wieder zurück. Das funktioniert nur über Beobachten, Wahrnehmen und Training.

 

Michaela: Und dieses schleichende ROT? Wo begegnet dir das?

Dominik: Das war primär in meiner Leitungstätigkeit in der WG, oft in schwierigen Phasen. Wenn im Team schon eine Grundanspannung vorhanden war und ich das auch gespürt habe. Ich habe dann immer schon in der Früh meine Vagus-Übungen gemacht. Und mein Garten ist mein wichtigstes Regulationstool. Dort kann ich mich lange aufhalten, mich auch körperlich richtig anstrengen. Das tut sehr gut. Und ich unternehme gerne Spaziergänge in den benachbarten Wald.

 

Michaela: Gibt es eigentlich für dich ein Modell oder Konzept aus der NeuroDeeskalation®, das du besonders zu schätzen gelernt hast?

Dominik: Da gibt es mehrere. Was mir sehr wertvoll geworden ist, ist das Modell der Firefighter. Es zeigt, dass es immer einen guten Grund für schwierige Verhaltensweisen gibt. Und es ist unsere Aufgabe diesen zu erforschen. Gerade bei  herausfordendem Verhalten ist dieses Wissen so wichtig, um aus der Dynamik der Schuldzuweisung und den Kontrollphantasien auszusteigen. Ich höre noch immer so oft: „Die wollen uns provozieren, manipulieren, Macht ausüben ...“. Dazu passt auch gut das Drama-Dreieck. Damit kann ich mir mehr oder weniger einen guten Teil der Welt erklären. Es zeigt, wie schnell wir in diese Dynamik verfallen, weil wir alle unsere Mikro-Traumata haben. Es eignet sich super, um auf Machtpädagogik hinzuweisen, die immer in der selben Spirale verbleibt und zu keiner Lösung führt.

Ein weiteres Konzept möchte ich noch nennen: die Soziale Orientierungsreaktion und zwar im Konnex mit dem Zitat Viktor Frankls:

Zitat Viktor Frankl

Was heißt würdevolles arbeiten mit Menschen? Ist, mich auf meine Machtposition berufen, würdevoll? Ich glaube nicht. In Kontakt gehen statt zu dominieren oder sich hinter der beruflichen Funktion zu verstecken - als Person einer anderen Person begegnen, das finde ich deutlich würdevoller. Es ermöglicht mir autonomes arbeiten, das heißt, es gibt immer einen Weg, weil es liegt an meiner Selbstregulation. Wenn Deeskalation nicht gelingt, dann kehre ich immer wieder zu mir zurück und beginne von vorne.

 

Michaela: Was treibt dich an? Was gibt dir die Energie, immer wieder von vorne zu beginnen?

Dominik: Große Neugierde! Was ist eigentlich Eskalation? Was passiert da? Die Neugierde reguliert mich auch gleichzeitig, ich gerate oft in den Playmode. Ich will das Rätsel lösen, ich weiß es gibt einen Weg. Es ist, vereinfacht gesagt, wie bei Escape the room. Beim Arbeiten mit Menschen mit sehr herausforderndem Verhalten wissen wir einfach oft wenig über die Hintergründe. Und die Neugier ist bei mir in einzelnen Eskalationen so groß, wie über gesamte Betreuungszeiträume. Diese Haltung, mit aufgesetzter Forscherbrille auf die Situation zu schauen, bringt uns weg von dem Gefühl, die „Zustände aushalten zu müssen“. Das betrifft das gesamte Team. Es sind immer Forschungsprojekte zu uns selbst und zum Gegenüber. Wir erforschen unsere Beziehungen.

Und es besteht der Wunsch, nicht in alte Muster zu kippen. Es sollen für alle Beteiligten Sinn gebende Lösungen gefunden werden. Dazu muss ich auch ergänzen, dass all diese Erfahrungen, auch mich selbst enorm weitergebracht haben in meinem Leben. Es geht in der NeuroDeeskalation® sehr um einen selbst. Auch zehre ich noch immer von meinen alten Eskalationserfahrungen, die ich erlebte, bevor ich wusste, dass Deeskalation ohne Fixierung möglich ist. Ich stelle mir oft vor, wie heilsam es für alle Beteiligten gewesen wäre, hätte ich von diesen Möglichkeiten gewusst und meinen Klient:innen würdevoller beistehen können.

Michaela: Lieber Dominik, vielen herzlichen Dank für das tiefgehende Gespräch!

Dominik: Danke auch und sehr gerne!

NeuroDe Illustration - Firefighter

NeuroDe®-Illustration: Das Konzept der Firefighter weist darauf hin, dass uns stabilisierende Verhaltensweisen immer helfen, uns zumindest kurzzeitig besser zu fühlen. Langfristiges Ziel ist es, das Verhalten von selbst- und fremdschädigend in Richtung gesund und hilfreich zu adjustieren.

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Ressource

 

Dominiks besonderes Beispiel für eine gelungene leise Deeskalation

Ort: Jugend-WG

Meine Rolle: Nachtdienst, eingesprungen wegen vieler Krankenstände, NeuroDeeskalation® ist erst am Anfang der Implementierung

Die Situation ist Folgende: Die Jugendliche kommt gegen 21:45 Uhr an mein Dienstzimmer. Sie sagt nichts, schaut mich kurz an und zeigt mir eine tiefe, klaffende Schnittverletzung, die sie sich zugefügt hat.  „Gut, dass du kommst“ versuche ich in Kontakt zu kommen. Es gelingt nicht ganz. Nach ein wenig Zeit sage ich:“ Du weißt eh, das das versorgt werden muss.“ Sie schreit: „Naaa, naa, wenn du die Rettung rufst, renn' ich weg und bring mich um!“. Ich spüre die ROT-Anflutung in mir. Die Beine werden weich, die Knie geben nach, ich fühle die schleichende Ohnmacht. Ich reguliere mich und sage:“ Jetzt setzen wir uns einmal hin.“ Wir gehen aus dem Zimmer, ich lasse die Türe offen. Das alte Gebäude hat außen verlaufende, dicke Heizungsrohre. Sie liegen teils am Boden auf, wir setzen uns nebeneinander auf ein solches. Ich schau gerade aus. Atmung. Berührung der Beine. Ich schau immer wieder kurz zu ihr. Sie starrt geradeaus. Ich atme, beginne ganz leise zu summen, spüre meinen Herzschlag. Atme eine Minute für mich. Wir sitzen eng nebeneinander, berühren einander aber nicht. Dann folge ich einem Impuls und stubse sie ein bißchen mit der Schulter an. Da bewegt sie den Kopf zu mir. „Ja ok, jetzt kannst' die Rettung rufen.“ Wir sind draußen sitzengeblieben und haben in der selben Position auf die Rettung gewartet. Sie ist sogar mit ins Krankenhaus gefahren. Normalerweise brauchten wir in der Situation  häufig auch einen Polizeieinsatz.

Besonders für mich an diesem Fall ist auch: obwohl die Jugendliche schon ein Jahr lang in der WG wohnte, hatten wir beide kaum Kontakt bis dahin. Aber ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich eine wohlwollende, konfrontativ-lustige Humorebene, die für uns beide sehr angenehm war.