"Wenn es mir gelingt, Beziehungsraum zu gestalten, bin ich sehr zufrieden."
Interview und Text: Michaela Nutz
Michaela: Hallo Rita! Du bist Psychologin, Sozialpädagogin und NeuroDeeskalation® Trainerin. Würdest du uns bitte ein wenig über dich und deinen Zugang zur NeuroDeeskalation® erzählen?
Rita: Ja, gerne! Ich habe während meines gesamten beruflichen Werdegangs mit Familien, Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Lebenssituationen gearbeitet: im Heim, in der Frühförderung, mit Pflege- und Adoptivfamilien, im Jugendamt und in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche.
Zur NeuroDeeskalation® kam ich durch eine Kollegin, mit der ich damals Seminare für Pflegeeltern angeboten habe. Zunächst absolvierte ich die Grundausbildung und konnte schon bald einige Aspekte und hilfreiche Tools in meinen Arbeitsalltag integrieren.
Michaela: Dein Beruf klingt sehr abwechslungsreich.
Rita: Ja, ich schätze diese Abwechslung und die Vielfalt sehr. Ich arbeite mit Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten. Da sind Kinder und Jugendliche, Eltern und Familien, Kitas und Schulen. Menschen mit Fluchthintergrund und Familien in hochstrittigen Trennungssituationen. Bei Pflege- und Adoptiveltern kommt neben den allen Herausforderungen die der Alltag mit den oft traumatisierten Kindern mit sich bringt, auch noch das Thema FASD dazu.
Es ist ein breites Spektrum, und genau diese Vielfalt schätze ich sehr. Immer wieder geht es dabei auch um das gesamte Helfersystem. Familien, in denen es zu Eskalationen kommt, sind neben den Herausforderungen, die der Alltag mit sich bringt, oft konfrontiert mit strukturellen Herausforderungen. Sie stehen unter Beobachtung und viele Akteure mischen mit. Es kommt hier immer wieder zu struktureller Gewalt. Da geht es auch um Zeugenschaft. In diesen Fällen brauche ich sehr viel Eigenregulation. Aber ich trete hier für meine Werte ein, ich kann gar nicht anders, weil ich sonst einen Teil in mir verraten würde.
Michaela: Das bringt mich gleich zur nächsten Frage. Was treibt dich in deiner Arbeit an?
Rita: Ich arbeite sehr gerne mit Menschen. Ich stelle gerne zur Verfügung, was ich kann. Und die Begegnungen mit meinen Klient:innen geben mir viel Energie. Gerade wenn viel Stress, Belastung und innere Not da sind und es mir gelingt, einen kleinen Raum zu schaffen, in dem wieder Begegnung möglich wird, macht mich das sehr zufrieden. Oft braucht es dafür gar nicht viel. Ich mag wenn ich Klienten:innen neu kennenlerne und ich für eine Zeit den Weg begleiten kann, es gibt so viele spannende, lebendige, herausfordernde und auch humorvolle Momente, trotz aller Schwere.
Besonders am Herzen liegt mir die Arbeit mit Eltern, vor allem wenn Kinderschutzfragen im Raum stehen. Ich gehe zunächst einmal davon aus, dass Eltern wollen, dass es ihren Kindern gut geht und dass die Kinder gut aufwachsen können und gleichzeitig kommt es zu Gewalt, Misshandlung und Missbrauch Auch wenn ich in meiner Arbeit Dinge erlebt habe, die sehr schwer auszuhalten sind, versuche ich die Haltung, die Kontakt und Entwicklung ermöglicht nicht zu verlieren.
Ich frage mich dann: Was ist im Leben dieses Menschen passiert? Welchen guten Grund haben sie, genau so zu handeln. Das Geschehene wird dadurch nicht weniger schwerwiegend, und Verantwortung bleibt Verantwortung. Eine von mir sehr geschätzte Vorgesetzte hat, wenn wir uns über Eltern geärgert haben oft gesagt, „Wir wissen nicht, welchen Fügungen wir es zu verdanken haben, auf dieser auf Seite des Schreibtischs zu sitzen.“ Dieser Satz ist mir geblieben, er erdet mich.
Als Kinderschutzfachkrafti geht es für mich oft zuerst darum, zu sortieren und Ruhe hineinzubringen. Ich vertraue darauf, dass es immer einen nächsten kleinen Schritt gibt. In der Beratung ist mir wichtig, den Kolleg:innen, die die Familien begleiten, Sicherheit und Zuversicht zu vermitteln – sozusagen im Hintergrund als „Green Stand-by“ präsent zu sein.
NeuroDeeskalation® gibt mir für meine Arbeit eine wichtige Orientierung. Es ist so eine Art Basislager. Die Konzepte und das Wissen sind für mich wie Landkarten. Sie helfen mir, zu verstehen, was gerade passiert.
Wenn ich selbst in Kontakt mit mir bleiben kann, kann ich auch meinem Gegenüber anders begegnen. Und manchmal entsteht daraus ein kleiner Raum, in dem wieder etwas möglich wird – für Kontakt, für Sicherheit und Entwicklung.
Michaela: Wenn du an GRÜN und ROT in der NeuroDeeskalation®-Sprache denkst, wie formulierst du das für dich in deinem Alltag?
Rita: GRÜN würde ich als „Ich bin mit mir in Kontakt“ beschreiben. Es fühlt sich nach Weite an. Ich kann mein Umfeld gut wahrnehmen. Ich muss nicht auf alles sofort reagieren, sondern kann innehalten und hab Handlungsspielraum. Ich habe Zugriff auf mich und meine Fähigkeit. Ich kann mir innerlich zulächeln, so würde ich das beschreiben.
ROT verbinde ich mit Enge und einem verengten Blick. Wenn ich es bemerke, begegne ich meinem ROT – je nach Situation – manchmal mit Humor. Ich versuche, aus einer Außenperspektive auf mich und mein Tun zu schauen. Manchmal erlaube ich mir auch einfach mehr Abstand. Oder es gibt innere Bilder, die ich mir bewusst hole, um wieder ins GRÜN und damit in den Kontakt mit mir selbst zu finden.
Michaela: Woher nimmst du deine Energie? Gibt es eine spezielle Ressource, die dich auffängt?
Rita: Das Zitat „Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“ trifft es für mich ganz gut. Ich habe in mir ein kleines Licht, das nicht ausgeht.
Energie schöpfe ich auch aus den vielen Begegnungen, die ich im Laufe meines beruflichen Lebens erleben durfte – mit Kindern, Jugendlichen und Eltern, und mit Kolleg:innen.
„As long as we hope, there is hope“, hat einmal eine Klientin zu mir gesagt. Sie befand sich damals in einer existenziell sehr schwierigen Situation. Dieser Satz begleitet mich. Er erinnert mich daran, mich auch in schwierigen Situationen nicht von den Sorgen vereinnahmen zu lassen, sondern den Raum für Hoffnung und Möglichkeiten offen zu halten. I Der Satz ist für mich die Übersetzung, des kleinen Lichtes das nicht ausgeht.
Michaela: Gibt es eigentlich für dich ein Modell oder Konzept aus der NeuroDeeskalation®, das du besonders schätzt?
Rita: Ich bin dankbar für viele Konzepte und experimentiere gerne mit ihnen. Es kommt darauf an, mit wem ich arbeite und in welchem Zusammenhang ich etwas anwende oder ausprobiere.
Die Konzepte sind für mich wie Landkarten, die Orientierung geben und mir helfen, Situationen und Zusammenhänge besser zu verstehen. Ich habe viele verschiedene Landkarten.
Am wichtigsten ist mir jedoch die Haltung: so mit mir selbst in Kontakt zu sein, dass ich es anderen Menschen ermögliche, in den Beziehungsraum einzutreten, ohne mich dabei selbst zu verlieren.
Dann entsteht eine unsichtbare Verbindung. Trotz aller Schwere kann eine Leichtigkeit entstehen, weil Begegnung stattfindet. Das schätze ich sehr und das macht mich zufrieden.
Michaela: Liebe Rita, besten Dank für das interessante Gespräch!
Rita: Gerne!
NeuroDe®-Illustration: Die Haltung ist Orientierung. Selbst- und Co-Regulation statt Verhaltenskontrolle.
angebot
- Introduction
- Grundausbildung
- Coaching
- Deutsch / Englisch
Zielgruppe
- Fachkräfte in Kitas, der Jugendhilfe und Frühförderung
- (Pflege-)Familien
Aus- und Weiterbildung
- Sozialpädaogin
- Dipl. Psych.
- Kommunkationspsychologin (Schultz v. Thun)
- Elterncoach (Neue Autorität)
- Traumapädagogik
- Entwicklungspsychologische Beratung von Eltern mit Risikokindern
- Sozialtherapeutisches Rollenspiel
- Kinderschutzfachkraft