"Ich möchte anderen Pflegefamilien helfen, entspannter mit ihrer Situation umgehen zu können"
Interview und Text: Michaela Nutz
Michaela: Liebe Ute! Du bist langjährige Pflegemutter und NeuroDeeskalation® Trainerin. Ich würde gerne ein bißchen über dich und deinen Zugang zur NeuroDeeskalation® erfahren.
Ute: Weißt du, ich bin keine Psychotherapeutin, ich habe keine psychosoziale berufliche Ausbildung. Ich habe mit meinem Mann zwei schwer traumatisierte Pflegekinder begleitet. Wir haben alle Tiefen erlebt. Aber trotz all der Herausforderungen, stehen sie jetzt mit Schul- und Ausbildungsabschluss im Leben.
Wir haben wirklich alles erlebt: extreme Gewalt, Dissoziation, unsere Tochter musste mit 6 Jahre wieder in eine Einrichtung. Wir mussten uns alles selber zusammensuchen, so vieles selbst erarbeiten. Die NeuroDeeskalation® hat uns 2017 sozusagen gerettet. Ab da wurde es besser. Meine Haltung zur Eskalation hat sich grundlegend geändert. Davor war alles ein Machtspiel. Danach haben sich die Eskalationen – darunter waren auch Messerattacken – von täglich auf einmal die Woche und dann alle paar Monate verringert.
Michaela: Hast du ein NeuroDe® Lieblingskonzept?
Ute: Die NeuroDeeskalation® ist ein Konzept, das kann ich einfach umsetzen. Es gibt diese einfache Sprache. Und am Anfang haben mir die Köperübungen geholfen, recht schnell zu mir zu kommen. Durch Breema und durch die Yoga-Atmung. Etwas hat mich da berührt und von da an konnte ich meine Haltung verändern. Ich habe plötzlich verstanden, worum es in der Eskalation geht: „Bleib bei mir, wenn ich eskaliere!“. Es geht darum den Kontakt nicht abzubrechen. Und es beginnt immer bei mir selbst.
Deswegen ist mein Lieblingskonzept auch ganz klar: „Bindung als Konsequenz“. Mein Sohn hat sein Zimmer oft völlig zerstört. Ich habe gelernt. Ich bleibe vor der Tür. Reingehen ist gefährlich. Oder ich nehme einen Polster und halte ihn vor mich wegen der fliegenden Gegenstände. Es gibt eine Rote Zone, weiter gehe ich nicht, aber am Rand bleibe ich. Es ist für ihn ja im nach hinein immer beschämend – auch das Zusammenräumen. Ich habe es dann gemacht, er ist aber im Zimmer bei mir, geblieben. Irgendwann haben wir angefangen, gemeinsam aufzuräumen.
Folgende Sätze sind mir in diesem Zusammenhang zu wichtigen Wegbegleitern geworden:
- In Kontakt bleiben
- Immer wieder selber Grün werden
- Selbst-Regulation vor Co-Regulation
- Über den Abgrund führen
NeuroDe®-Illustration: Bindung als Konsequenz, mnutzDesign
Michaela: Könntest du uns erzählen, wie du dein ROT und dein GRÜN erlebst?
Ute: Bei ROT fängt mein Körper an zu beben – ich spür eine riesige Anspannung. Sie beginnt im Brustbereich. Alles zieht sich zusammen und dann halte ich die Luft an. Dann sage ich mir „STOP!“. Das ist mein Break. Ich lege meine Hand auf mein Schlüsselbein, diese Körperberührung hilft mir runter zu kommen.
Ich drehe mich dann kurz weg, aus der Situation hinaus. Dann atme ich tief ein und aus. Das befreit mich von Enge und Anspannung. Dann drehe ich mich wieder zurück und gehe in die Situation.
Wenn es ganz schlimm ist, gehe ich kurz ganz raus, benenne das aber deutlich „Ich komm gleich wieder zurück.“ Das muss dann auch verlässlich immer passieren.
Wenn das Trauma zu nahe kommt, dann nehme ich es nicht. Ich habe ein virtuelles Schutzschild vor meinem Körper. Oft auch echt ein Kissen. Ich spüre wenn das Trauma sich annähert und kann es abfangen. Und dann agiere ich statt zu reagieren.
Einmal hat sich mein Sohn in seinem Zimmer eingesperrt und davor Glasflaschen auf der Stiege zerbrochen, auch volle. Ich hab geklopft, er hat geschrien ich solle abhauen. Ich habe gesagt, ok, ich komme gleich wieder. Und dann hab ich mit Aufräumen begonnen. Das tut mir gut. Das Ordnung schaffen. Die Struktur wieder herstellen. Und dazwischen immer wieder sagen, dass ich noch da bin. Das reguliert mich und ihn.
Inzwischen weiß ich auch: ich bin nicht gemeint.
Um zwischendurch runterzukommen, geh ich in den Garten Rosen schneiden oder Gießen. Eine große nachhaltige Ressource ist für mich der Segelsport.
Michaela: Abschließend möchte ich dich noch fragen – was treibt dich an?
Ute: Ich möchte meinen gebündelten, langjährigen Erfahrungen nutzen, um anderen Pflegefamilien zu helfen, entspannter mit ihrer Situation umgehen können.
Michaela: Ich danke dir sehr für das Gespräch!
Ute: Es hat mich sehr gefreut, danke ebenso!
angebot & Ausblick
- Introduction und Coaching für Pflegeeltern, Pflegeelternverbände, Einrichtungen, Fachkräfte im Pflegeelternkontext
- NeuroDeeskalation in die Institutionen bringen
aktuell
- Introduction Gesamtschule Höhscheid, Solingen März 2023
- Introduction Fachzentrum für Pflegekinder mit FASD, Köln Mai 2024
- Online Coaching Pflegefamilie Juni 2024
- Online Coaching PeerGroup Wingerdbloei Einrichtung, Belgien Mai 2025
- Introduction VSE NRW Bielefeld-Netzwerk Pflegeeltern Mai 2026
Aus- und Weiterbildung
- Trainerin NeuroDeeskalation
- Ausbildung Coach für Neue Autorität
- Pflegemutter seit 20 Jahren von 2 schwer traumatisierten Pflegekindern
- Seminar sowie Fachtag Salzburg zum Thema Scham & Würde
- Traumafortbildung Jugendamt München nach Wilma Weiß
- Traumafachtag Tabaluga
- Innere Kind Arbeit – FamilienKlinik Waldmünchen
- Fortbildung BettinaBonus – Mit den Augen eines Kindes sehen lernen
- Individualpsychologie nach Dreikurs – Seminare+Gruppe
- Kfm. Angestellte-Organisation von TeamEvents/globale Sales Mtg/TeamAssistenz
- Langjährige Segelerfahrung im Team