Interview & Text: Michaela Nutz
Herzlichen Dank für das Interview an Richard Gröller und Ute Rogers
Persönliche Erfahrungen und fachliche Einblicke
2 Perspektiven
Ute Rogers
Zweifache Pflegemama, NeuroDeeskalation® Trainerin
Coach für Neue Autorität
https://www.ressourcenreich.at/de/kontakt/Team/ute-rogers.html
Richard Gröller
Zweifacher Adoptivvater und NeuroDeeskalation® Practitioner
Sozialarbeiter, Coach und Supervisor, Affido
https://www.groeller-coaching.at/angebote/#adoption
In unseren Seminaren ist uns aufgefallen, dass gerade in letzter Zeit viele Adoptiv- und Pflegeeltern teilgenommen haben. Deshalb ist dieser Beitrag diesem Schwerpunkt gewidmet und wir haben dafür zwei höchstkompetente Personen im Umfeld der NeuroDeeskalation® befragt. Ich durfte mit Richard Gröller und Ute Rogers sprechen. Beide sind selbst Adoptivpapa bzw. Pflegemama und haben sich beruflich in diesem Feld etabliert.
Richard Gröller ist selbständiger Coach und Supervisor. Er arbeitet bei Affido und begleitet dort Pflege- und Adoptiveltern. Er ist selbst zweifacher Adoptivpapa. Er hat die NeuroDeeskalation®-Grundausbildung sowie weiterführend die Vertiefungsausbildung zum NeuroDeeskalation®Practicioner absolviert.
Ute Rogers ist zweifache Pflege-Mama, sie ist NeuroDeeskalation®-Trainerin und bietet Seminare und Coachings für Pflegeeltern, Pflegeelternverbände, Einrichtungen, Fachkräfte im Pflegeelternkontext an und bringt die NeuroDeeskalation® in entsprechende Institutionen.
Interview vom 19.10.2026
Michaela: Herzlich willkommen und vielen Dank für eure Bereitschaft dieses Gespräch zu führen. Ich finde es besonders spannend mit euch beiden gleichzeitig reden zu können, weil ich mir vorstellen kann, dass ihr euch gegenseitig auch inspiriert und ein guter Austausch entstehen kann.
Zu Beginn möchte ich euch gleich zu eurem Zugang zur NeuroDeeskalation® befragen. Ihr habt beide weit über die Grundausbildung hinaus entweder die Vertiefung abgeschlossen, Richard, oder sogar die Trainer:innen-Ausbildung absolviert, Ute. Warum seid ihr am Thema hängengeblieben?
Ute: Also ein wichtiger Punkt für mich war, ich wollte einfach am Thema dranbleiben. Ich habe nach der Grundausbildung und Vertiefung gemerkt, wie hilfreich diese neue Haltung für mich und meine Familie ist und wollte das nicht mehr verlieren. Wenn man nicht dranbleibt, verliert man das Wissen im Alltag wieder. Es ging und geht noch immer darum, im Austausch mit anderen Menschen zu bleiben, die die Methode auch anwenden. Weiters hatte ich nach der Vertiefung das Glück, dass gerade eine Trainer:innen-Ausbildung angeboten wurde. Aber ich hatte schon damals diese Vision, dass ich einmal anderen in ähnlichen Situationen helfen möchte. Dass ich das, was unsere Familie gerettet hat – wir konnten mit unseren Kindern zusammenbleiben – auch unbedingt weitergeben möchte.
Richard: Mein Zugang zur Grundausbildung lief auf drei Ebenen ab. Primär meldete ich mit der Motivation des Adoptivpapas an, dann als Begleiter für Pflege- und Adoptiveltern und natürlich auch für mein weiteres Standbein als Coach und Supervisor. Ich habe auf allen Ebenen neue Blickwinkel erlangt. Die Haltung und Methode sind fachlich gut weiterzugeben. Der größte Mehrwert aber war wohl die persönliche Entwicklung. NeuroDeeskalation® „zwingt“ einen, die persönliche Haltung, den eigenen Zugang zu überdenken. Die weitere Beschäftigung mit der Thematik war wichtig, um mich in eskalierenden Situationen an NeuroDeeskalation® zu erinnern, um kurz innezuhalten und dann einen neuen Weg zu gehen, den ich so vorher nicht gegangen wäre. In der Grundausbildung wurden meine Werte bestärkt und bestätigt. Sie war wichtig für meine Haltungsänderung gegenüber der Eskalation. Die Vertiefung ermöglichte dann die Verinnerlichung des Wissens und Erlebens.
Ute: Ja genau. Für mich war das in der Grundausbildung extrem wichtig, die veränderte Haltung gegenüber der Eskalation. Ich habe begonnen zu verstehen, dass es immer bei mir beginnt. Regulation beginnt bei mir, erst wenn ich mich gut regulieren kann, dann kann ich mein Kind co-regulieren. Das war für mich sehr wichtig und neu in der Grundausbildung. Das ganz Besondere an der NeuroDeeskalation® ist, dass es keinen expliziten Werkzeugkoffer gibt. Ich lerne zuerst bei mir zu schauen, meinen Einfluss zu identifizieren und dann, was ich tun kann und wie ich jemandem begegne, um zu deeskalieren. Die Vertiefungsausbildung bietet aufbauend darauf – und aufgeteilt in drei Blöcke – eine sehr wertvolle Intensivierung in allen Bereichen, bezüglich Wissen, Selbstreflexion und Intervention.
Richard: Ich glaube, dass für Pflege- und Adoptiveltern schon einmal die Grundausbildung eine super Basis darstellt. Es geht ganz stark um die inneren Haltung, den persönlichen Zugang und da kann man schon eine Menge mitnehmen. Für mich war die Vertiefung für die persönliche Weiterentwicklung ein Bonus. Das Dranbleiben ist wirklich wichtig, damit man nicht in alte Muster zurückfällt oder zumindest immer weniger oft. Um zu überprüfen, auf welchem Weg man sich bewegt. Das ist für mich das Besondere an der NeuroDeeskalation®: es fühlt sich einfach so richtig an. Es ist Nichts zum auswendig lernen, es fühlt sich nicht gekünstelt an. Es ist ein Prozess des Augenöffnens. Wenn die Haltung stimmt, sagt einem das Gefühl, dass es der richtige Weg ist, das richtige Tun. Für mich ist es eine Bestätigung, dass das, was sich richtig anfühlt, gut ist.
Ute: Ich sehe das auch so. Die Grundausbildung gibt einem schon viele Möglichkeiten mit. Man kann sich weiterführend auch mit einem Coaching begleiten lassen. So kann man sich spezifisch zur eigenen Situation in der Familie begleiten lassen. Wenn ich die NeuroDeeskalation® wirklich verinnerlichen möchte, hilft die Vertiefung dann schon sehr. Alles zusammen ist ja ein längerfristiger und sich sehr lohnender Prozess.
Richard: Ich finde, in der Grundausbildung hörst du und verstehst, in der Vertiefung spürst du und verinnerlichst.
Ute: Ja und die Vertiefung über ein Jahr, mit den selben Menschen, schweißt schon zusammen. Es wird sehr viel Austausch in diesem vertrauten Erfahrungsraum möglich. NeuroDeeskalation® zu lernen ist ein Prozess, ein Umdenken, ein Perspektivwechsel. Auch dieser intensive Austausch mit den anderen Teilnehmer:innen ist so wertvoll und hilfreich. Man wächst zusammen und am Thema.
Michaela: Darf ich euch fragen, wie eure eigenen Kinder auf die NeuroDeeskalation® reagiert haben bzw. diese auch verinnerlicht haben? Co-Regulieren sie inzwischen auch euch?
Richard: Also, ich glaube es ist immer ein Wechselspiel. Wenn man in einem System etwas ändert, verändert das die ganze Dynamik. Und wenn ich meine Haltung ändere, hat das natürlich Einfluss auf mein Gegenüber. Meine Tochter hat durchaus eine ordentliche Portion Trauma mitbekommen und sie hat in der Zeit, als ich die Ausbildung gemacht habe, einen großen Entwicklungssprung geschafft. Ich kann das nicht explizit auf die NeuroDeeskalation® zurückführen, aber ich nehme schon an, dass es Einfluss hatte, wie ich mich verändert habe. Es war notwendig vom hohen Ross: „Ich bin der Vater und ich muss meine Tochter auf den richtigen Weg führen“ herunter zusteigen. Ich habe in den letzten Jahren eher das Gefühl, das alles in gemeinsamer Veränderung passiert. Wenn ich ruhiger werde, in angespannten Situationen im grünen Bereich bleibe, macht das etwas mit meiner Tochter und ihrem Verhalten. Umgekehrt zeigt auch meine Tochter Verhaltensweisen, die ein Spiegel für mich sind. Ich sehe mein Verhalten in Ihrem. Wir haben es inzwischen geschafft vieles auf Humorebene zu heben, was sehr deeskalierend wirkt. Und sie kann mich durchaus mit einem Augenzwinkern runterbringen, wenn ich einmal den grünen Bereich verlasse. Es ist ein Wechselspiel.
Ute: Also es hat sich bei uns jedenfalls die Bindungs- und Beziehungsebene über die Jahre sehr verändert. Dadurch dass ich in der Eskalation nicht mehr dagegen arbeite, sondern auf Bindung als Konsequenz setze. Das hat von einem Gegeneinander zu einem Miteinander geführt. Es hat mit beiden Kindern anders, aber mit beiden sehr, sehr viel zum Positiven verändert. Beide Kinder können inzwischen mehr Hilfe annehmen. Sie können auch sagen: „Was guckst du so streng?“ und ich fühle mich nicht mehr angegriffen, sondern ich bemerke, dass ich selbst ROT bin. Die Mimik und die Körpersprache werden so schnell gelesen. Jetzt weiß ich, dass auch ich immer etwas transportiere. Die Kinder sind wie ein Spiegel für mich. Die Eskalationen sind stark zurückgegangen, primär, weil mein Zugang ein ganz anderer wurde, weil ich ihre innere Not erkannt habe, sie gesehen habe. Es war ein großer Gewinn für uns, dass wir nicht mehr jeden zweiten Tag sondern nur mehr einmal die Woche und später einmal im Monat eine Eskalation hatten. Das Vertrauen ist dadurch extrem gewachsen. Die Kinder trauen sich inzwischen, sich zu öffnen, sich fallen zu lassen. Wir alle haben sehr von NeuroDeeskalation® profitiert.
Richard: Genau. Ich glaube, man beginnt Eskalation einfach anders zu sehen. Heute betrachte ich eher die Botschaft, das Bedürfnis dahinter. Man reagiert unterstützend und möchte nicht einfach nur die Eskalation aus der Welt zu schaffen.
Ute: Richtig, das war auch für mich so, dass ich das nicht mehr für mich als Bedrohung gesehen habe oder als Angriff auf mich, sondern ich sehe einfach die Not dahinter. Wie kann ich unterstützen und sie aus ihrer Not würdevoll heraus begleiten. Das verändert alles. Ich steige nicht in die Machtkampf-Spirale ein. In die Wutspirale. Ich habe früher auch die Wut meiner Kinder übernommen. Das mache ich nicht mehr. Ich habe gelernt das abzugrenzen. Aber ich helfe ihnen, ich bleibe bei mir und bei ihnen. Ich wurde freier in meinem Handeln. Ich agiere, statt immer nur zu reagieren. Früher war reagieren aus meiner Not heraus oft laut, mit sinnlosen Strafen und Androhungen verbunden. Heute springe ich nicht mehr auf die Spirale auf. Ich entscheide selber, nicht meine Kinder für mich. Ich habe angefangen zu überlegen, was ist sinnvoll? Was braucht es jetzt eigentlich? Will ich auf den roten Teppich treten den sie ausrollen, und vielleicht kleben bleiben? Oder nicht?
Richard: Das ist auch ein super Aspekt der NeuroDeeskalation®: die Bilder in der Sprache. Sie arbeitet mit Bildern. Bilder bleiben hängen und sind tolle Anker. Sie helfen einem, sich schnell zu erinnern, an Inhalte und die Haltung. Mir sind sehr viele Bilder hängen geblieben. Auch durch die Bilder, die während der Seminare entstanden sind. Ich würde jetzt sagen, die Grund- und die Vertiefungsausbildung ermöglichen das Spüren von Eskalation und Deeskalation und dieses Spüren wird in Bildern verankert.
Ute: Das Visuelle eignet sich auch sehr gut zum Zeigen und Erklären, besser als zu viele Worte. Z.B. die grüne Schnecke. So ein GRÜN entwickelt sich nur langsam. Bilder sind wertvoll, um sich schnell zu erinnern. Worte werden oft nicht mehr gehört, wenn man zu viel sagt. Wenn ein Bild an einem Ort aufhängt, wo man es im Alltag gut sieht, das hilft immer. Ich verwende die NeuroDeeskalation®-Karten so, tausche sie aus, je nach Bedürfnis und Anwendungsfall.
Michaela: Das freut mich sehr zu hören. Zum Spüren und Erinnern fallen mir jetzt auch die systemischen Rollenspiele in der Ausbildung ein. Wie habt ihr diese empfunden? Es ist ja für viele Menschen (mich eingeschlossen) eine große Überwindung sich bei solchen zu beteiligen? Warum ist das in der NeuroDeeskalation®-Ausbildung anders? Ist es anders?
Ute: Ich fand sie gleich toll. Ich habe mich in der Grundausbildung gleich ausprobiert und mich mit meiner Geschichte gemeldet. Das muss ich gleich dazusagen: das ist nie Zwang. Es ist freiwillig und nur wer wirklich den Impuls verspürt, stellt sich und die eigenen Forschungsfrage zur Verfügung. Es funktioniert auch nur so. Und es profitieren immer alle. Es ist eine Chance, die man wahrnehmen kann aber nie muss. Das Besondere ist, dass man in die Rolle der herausfordernden Person schlüpft und so den Perspektivwechsel erlebt, richtiggehend spürt, wie es der Person in Eskalation ergeht. Das ändert alles und bleibt hängen. Das Rollenspiel war jedenfalls mit ein Grund, warum ich dranbleiben wollte und weitermachen. Es hat mir die Augen für mein Kind geöffnet. Ich konnte nicht genau sagen was sich verändert hatte, aber es war etwas anders. Ich habe das zuhause dann im Nachhinein gemerkt, dass es eine Veränderung im Verständnis in der Eskalation meines Kind gebracht hat.
Richard: Als Supervisor weiß ich, wie skeptisch Menschen Rollenspielen gegenüber stehen und aus meiner Sicht, auch zu recht. Oft geht es darum in der Rolle für das Verhalten bewertet zu werden, um richtig und falsch, um besser und schlechter. Das ist in der NeuroDeeskalation® anders. Da geht es darum einen geschützten Erfahrungsraum zu öffnen, nachspüren zu können, wie es der anderen Person geht. Die drei Ebenen: Visualisierung, Spüren und Wissenserwerb sind so wertvoll. Mir ist es auch so ergangen wie dir Ute: nach einem Rollenspiel in dem ich eine Rolle übernommen hatte, hatte sich etwas in mir verändert. Ich konnte auch nicht benennen was es war. Ich habe die Rolle gespielt und gesprürt und konnte dann zuschauen, wie andere die Situation angehen, es war sehr beeindruckend. Und es hat jedenfalls meine Meinung über Rollenspiele verändert.
Ute: Man spürt selbst, wie es in der Eskalation ist. Man hört z.B. nicht mehr, was gesagt wurde. Worte erreichen einen nicht. Man nimmt auch visuell nur mehr einen sehr kleinen Ausschnitt der Umgebung wahr. Gleichzeitig lernt man aber auch, was für einen selbst hilfreich war, was einen erreicht hat. Das kann dann in der echten Situation eine wirkliche Unterstützung sein.
Richard: Wertvoll an den NeuroDeeskalation®-Rollenspielen ist, die Perspektive des Gegenübers einnehmen zu können, zu erleben, zu spüren und besser verstehen zu können. Dafür sind diese Rollenspiele bestens geeignet.
Ute: Und wenn niemand ein großes Rollenspiel machen möchte, dann werden Kleingruppen gebildet und es gibt die Möglichkeit in kleinerem Rahmen Erfahrungen zu sammeln. Und es ist ganz egal, ich kann zuschauen, meinen Fall einbringen oder mitspielen, ich profitiere immer. Die meisten kennen ähnliche Themen. Alle profitieren davon. Es ist beeindruckend, was es auslöst. Und es ist ein Prozess im Laufe des Seminars. Ein sicherer Forschungsraum wird etabliert. Es ist ein geschützter Raum um auszuprobieren. Es gibt kein richtig oder falsch – es gibt unterschiedliche Wege. Man kann probieren, muss aber nicht. Wenn es einmal keine Lösung gibt, ist das auch ok. Das nächste Mal probiert man eine Kleinigkeit anders. So hangelt man sich gemeinsam vorwärts.
Richard: ja und wichtig ist immer das Ziel. Was könnte der von mir als herausfordernd wahrgenommenen Person in dieser Situation helfen? Dieser Perspektivwechsel, der hat bei mir ganz viel Verständnis für das Gegenüber geschaffen. Es hilft einem extrem beim Hineinversetzen in die eskalierende Person.
Ute: Es macht die Inhalte erlebbar. Innerhalb eines nicht beurteilenden Rahmens kann ich es wagen meine persönliche Fragestellung einzubringen. Ich weiß, ich habe die Wertschätzung aller Anwesenden. Ich erfahre, meine eigene Not wird ernst genommen, weil sie verstanden wird. Der Raum wird von allen gehalten.
Richard: Gerade im Beratungsgespräch mit Pflege- und Adoptiveltern erlebe ich oft die Situation, dass ich die Lösung nicht anbieten kann, aber authentisches Verständnis und wissendes Nicken. Teilhaben, Anerkennen und Wertschätzen ist extrem hilfreich. Das ist auch ein Ansatz aus der NeuroDeeskalation®. Es braucht nicht sofort die Lösung, es geht um das Dabei sein, unterstützen und dahinter stehen. Da helfen auch die Rollenspiele in der Ausbildung, die vielleicht nicht aufgelöst werden. Die Realität ist komplex, es gibt oft nicht gleich die ganze Lösung, aber einen Schritt weiter am gemeinsamen Weg ist man gegangen.
Ute: Ein wichtiger Begriff ist hier für mich auch die Orientierung. Wo geht es hin. Ich orientiere meine Umgebung. Ich habe gelernt, ich muss zuerst für mich selber sorgen, erst dann kann ich für die anderen sorgen. Gut auf mich zu schauen, ausbalanciert zu sein, damit ich in der inneren Kraft bleibe, das ist die Grundlage für Co-Regulierung. Als Mama hatte ich immer alle zuerst versorgt und auf mich dann oft vergessen. Das hat folglich mich ROT gemacht und damit wieder die ganze Situation destabilisiert. Ich habe Strategien entwickelt, wie ich möglichst gut grün bleiben und immer wieder werden kann. Denn es fängt immer bei mir an.
Richard: In der eigenen Mitte bleiben, Selbstfürsorge, mir den inneren Zeitdruck nehmen, für mich genügend Zeit einplanen, mich nicht mehr vom Umfeld stressen zu lassen – dahingehend habe ich viel an mir gearbeitet, meine Tochter hat mir viel beigebracht darüber, sie kommt fast immer zu spät. Ich bin gelassener geworden. Finde öfter meine innere Balance. Diese vielleicht abgedroschen klingenden Begriffe haben vollkommen ihre Berechtigung. Mehr noch, sie sind eine Notwendigkeit. Ich trage mir inzwischen im Kalender Termine für mich selbst ein. Für die anderen mache ich das ja auch.
Ute: Und ich bin überzeugt, das ist wirklich für alle in einem gewissen Rahmen möglich. Ich dachte auch immer, meine Kinder müssen alles können und machen, was mir die anderen Eltern am Spielplatz erzählt haben. Musikalische Früherziehung, Englisch in der Grundschule, Sport etc. - wir haben versucht das umzusetzen und hatten immer Stress und Zeitdruck. Später habe ich gelernt, wir brauchen v.a. Zeit und Beschäftigung miteinander, um etwas zu malen, zu puzzeln, was auch immer. Diese innere Haltung: wir machen das anders. So wie es für uns gut passt. Das hat so eine Erleichterung für uns alle gebracht. Wenn einmal eine Hausübung nicht fertig gemacht werden konnte, dann war das so. Wir würden sie später, wenn es wieder ginge nachbringen. Diese Klarheit und Orientierung waren so wertvoll. Es gab uns innere Stärke.
Richard: Gerade Pflege- und Adoptiveltern stehen sehr unter Druck. Sie werden beobachtet und fühlen sich ständig bewertet durch Sozialarbeiter:innen und Ämter. „Das muss ich doch ...“ - Ich rufe sie zu Ungehorsam auf. Eltern kennen ihre Kinder schon am besten. Wenn etwas allen zusammen nicht gut tut, muss man es nicht machen. Da darf man durchaus einmal Löwenmama oder -papa sein. Die klare Ansage: „Nein, wir tun das jetzt nicht, weil es für alle überfordernd ist.“, entspannt oft alle Beteiligten.
Ute: Deswegen ist ein Austausch mit Gleichgesinnten so wertvoll – das kann ich nur empfehlen! Man trifft auf echtes Verständnis und im besten Fall bejammert man nicht das Drama, sondern unterstützt sich gegenseitig. „Mach es so, wie du es spürst.“
Michaela: Wäre ich jetzt eine Adoptiv- oder Pflegemama die das hier liest, was würdet ihr mir als nächsten Schritt empfehlen?
Ute: Es gibt immer die niederschwellige Möglichkeit, sich in einem ersten Schritt online Unterstützung zu holen. In Deutschland ist die Verteilung von Pflegeelterngruppen unterschiedlich, da muss man sich im eigenen Umfeld informieren, z.B. bei den regionalen Jugendämtern. Tiefergehend würde ich empfehlen die NeuroDeeskalation®-Grundausbildung zu machen, die gibt es in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Um in das Thema reinzuschnuppern bietet sich der monatliche Online-Treffpunkt CommuniTree an. Für diejenigen, die die zeitlichen und finanziellen Ressourcen haben, ist die Vertiefungsausbildung eine gute langfristige Investition ins eigene Leben. Begleitendes Coaching ist eine gute Möglichkeit, um sich gezielt für die eigene Situation unterstützen zu lassen.
Richard: Ich denke, es ist wichtig, die richtigen Personen zu finden. Dazu würde ich raten, einfach wo anzufangen und dann darauf zu vertrauen, die richtigen Personen zur richtigen Zeit zu treffen. Bei uns in Österreich, in der Steiermark gibt es viele Pflegeelterngruppen und Affido bietet nicht nur für Pflegeeltern, sondern auch für Adoptiveltern Unterstützung an. Für Adoptiveltern gibt es auch gerne die Möglichkeit sich über mich zu vernetzen. Ich stehe sehr gerne für Gespräche zur Verfügung, einfach um herauszufinden, wer oder was hilfreich sein kann.
Michaela: Ich danke euch beiden sehr, sehr herzlich für das tolle Gespräch! Und ihr habt euch beide bereit erklärt, hier gleich auf kurzem Weg als erste Ansprechpersonen zu fungieren, danke euch sehr dafür!
Ute: Ich danke euch! Auch für diesen Beitrag und die Auswahl des Themas!
Richard: Ich danke euch ebenso und es hat mich sehr gefreut!
Nächste Schritte:
Nächste Termine für NeuroDeeskalation®-Grundausbildungen und -Vertiefung:
https://www.ressourcenreich.at/de/angebot-alt/unsere-seminare.html
Ansprechpersonen
Richard Gröller für (Adoptiv-)Eltern:
+43 699 171 899 99
richardgroeller@hotmail.com
Ute Rogers für (Pflege-)Eltern:
+49 176 528 072 18
URogers@outlook.de
https://www.ressourcenreich.at/de/kontakt/Team/ute-rogers.html